Wohnungen der Gefiederten geputzt

Kürzlich sind die letzten der über 400 Nistkästen in der Gemeinde Gais gereinigt worden. Röbi Nagel und Rainer Ernst waren eine Woche lang damit beschäftigt. Die Kästen geben Aufschluss über vieles.

Martin Hüsler
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Röbi Nagel reinigt einen Kasten, in dem ein Kleiber genistet hat. Bild: hü

Röbi Nagel reinigt einen Kasten, in dem ein Kleiber genistet hat. Bild: hü

Nummer 42 war durch ein Kohl-meisenpaar belegt, ebenso die Nummern 43 und 62. In Nummer 45 machte es sich ein Siebenschläfer bequem. Nummer 41 wäre für den Gartenrotschwanz eine ideale Wohnstätte gewesen; stattdessen liessen sich Wespen darin nieder. Hochinteressant, was da alles zum Vorschein kommt, wenn Röbi Nagel die Leiter hochsteigt und die allesamt nummerierten Vogelkästen, im Fachjargon auch Nisthilfen genannt, öffnet. Zusammen mit Rainer Ernst hat er das eine Woche lang getan. Zum Abschluss gilt die Aufmerksamkeit den Vogelbehausungen im Gebiet des Walderlebnisraums.

Was Röbi Nagel oben entdeckt, gibt er Rainer Ernst zur Kenntnis, der unten die «Büroarbeiten» erledigt. Will heissen: Er notiert auf Listen, was ihm sein Kollege auf der Leiter meldet. Aufgrund der vorgefundenen Spuren lässt sich ablesen, welcher Vogel hier genistet hat. Höhlen- beziehungsweise Halbhöhlenbrüter nennt man die Vögel, die einen Kasten benutzen, im Gegensatz zu den Freibrütern. Was nach der Brutzeit in den Häuschen von unterschiedlicher Beschaffenheit übrig geblieben ist, wird entfernt. «Vögel wollen saubere Nester», begründet Röbi Nagel seine Putzarbeit.

So werden sämtliche Nistkästen und ihr auf den Baum genauer Standort auf Gaiser Gemeindegebiet Jahr für Jahr katalogisiert – und das seit geraumer Zeit. 2005 zählte man noch 179 Nisthilfen, 2015 waren es deren 440. Schlüsselt man diese 440 auf, so fand sich in 170 ein Nest, in 31 nur Kot und 85 blieben leer. Für Mauersegler waren 57 Nester registriert, für Schwalben 97 Kunstnester.

Dramen und Tragödien

«Der Stärkere überlebt» – dieses Prinzip gilt in der Natur. Das lässt sich auch bei den Vögeln belegen. An einer Föhre im Grossmoos findet sich ein mit sieben winzigen Eiern belegtes Nest. «Das missliche Wetter im Frühling hat dazu geführt, dass die Eltern das Nest aufgaben, weil sie instinktiv spürten, nicht genug Futter für ihren Nachwuchs heranschleppen zu können. So brüteten sie die Eier gar nicht aus», weiss Röbi Nagel. Und Rainer Ernst berichtet von regelrechten Dramen, die sich abspielen, wenn etwa Elstern oder Eichelhäher auf Raubzug gehen und Nester mit Eiern oder gar Jungvögeln plündern.

Was Röbi Nagel und Rainer Ernst an freiwillig erbrachter Arbeit verrichten, verdient Anerkennung. Sie wenden nicht nur viele Stunden für das Reinigen und Registrieren auf. Es gilt auch, schadhafte Nistkästen zu reparieren oder neue zu fertigen. Was sie ermitteln, melden sie BirdLife Schweiz weiter, der nationalen Vogelschutzorganisation, woraus dann wieder neue Einsichten in die Entwicklung der Vogelpopulation gewonnen werden können.

Umso mehr freut es sie zusammen mit den Mitgliedern des Ornithologischen Vereins und des Trägervereins Walderlebnisraum, dass sich mit Merlin Hochreutener ein junger Gaiser sehr stark für die Ornithologie interessiert und mit einem Preis der Stiftung «Schweizer Jugend forscht» bedacht wurde. Bekanntlich hat er für die offizielle Brutvogelzählung die Vögel im Atlasquadranten Gais in 300 Stunden Feldarbeit beobachtet und die Erkenntnisse in seine Maturaarbeit einfliessen lassen.