Wohlsein in Duft und Klang

UNTERWASSER. «Nasbüechli. Eine Duftreise», heisst der Erstling der blinden Autorin und Radiojournalistin Yvonn Scherrer. Im Seifenatelier von Astrid Nigg nahm sie Zuhörende mit auf eine Schnuppertour.

Cecilia Hess-Lombriser
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Ferdinand Rauber gibt den Düften mit den unterschiedlichsten Instrumenten Töne und bringt sie zum Schwingen. (Bilder: Cecilia Hess-Lombriser)

Ferdinand Rauber gibt den Düften mit den unterschiedlichsten Instrumenten Töne und bringt sie zum Schwingen. (Bilder: Cecilia Hess-Lombriser)

«Schnuppertour für Gwundernasen», hiess es in der Einladung. Dazu das Versprechen, dass es dazu würzige Naturtonmusik und balsamische Texte gebe. Das Empfangskomitee bildeten am Freitagabend der Geruch von Seifen, Astrid Nigg, die ihr Atelier Ende Monat nach Lichtensteig verlegt, und Ferdinand Rauber, Naturtonmusiker, Obertonsänger und Perkussionist. Yvonn Scherrer liess sich zum Lesepult begleiten. Die drei Personen haben sich unter besonderen Umständen kennengelernt und das, was sie machen, hat ein neues, gemeinsames Projekt für die Sinne hervorgebracht.

Farbige Düfte

Der Durchschnittsmensch soll rund 20 verschiedene Duftstoffe unterscheiden können. Das bedeutet, dass sein ältestes Sinnesorgan verkümmert ist. Besonders ausgeprägt ist hingegen das olfaktorische System von Yvonn Scherrer. Sie macht einen grossen Teil ihrer fehlenden Sehkraft durch das Riechen wett. Sie erfährt ihre Umgebung über die Nase. «Schmöcke», sagt sie in ihrem sympathischen Berndeutsch und das tönt eben viel «schmöckiger», als wenn sie «riechen» sagen würde. Kurzgeschichten las sie im duftenden Raum vor, flink mit ihren Fingern über die Fläche ihres Lesegerätes gleitend.

Yvonn Scherrer Autorin und Radiojournalistin

Yvonn Scherrer Autorin und Radiojournalistin

«Am schönschte si Düft, wo ne chüeli und e warmi Syte hei. Sanduholz het meh Wermi aus Chüeli. Bir Rose isch's umgekehrt. Die weichi Syte isch e wachsige, hunigfarbige Ton, di chüeli Syte isch aquamarin, es häus, stius Blau ohni jede Kitsch mit ere Nuance i ds Grüen. Es Blau, wo Schmärze löscht.» Sätze, die dem Ohr schmeicheln, die Seele umhüllen, das Herz hüpfen lassen.

Tönende Düfte

Düfte sind betörend, angenehm, abstossend, verführend. Wenn jedoch Yvonn Scherrer über Düfte spricht und die Geschichten erzählt, die damit verbunden sind, öffnen sich neue, unbekannte Türen. Zu den Düften, die augenblicklich im Gehirn abgerufen werden, entstehen farbige Bilder und es liegt nahe, dass zur Duftnote auch Töne gehören. Ferdinand Rauber war jener, der sie hatte. Er nahm die farbigen Düfte auf, brachte sie zum Schwingen, zum Klingen, Jammern, Schnauben, Vibrieren oder Lachen. Er mischte auf dem Steinxylophon melodische Töne dazu, liess das zarte Glöcklein mitspielen, die Shrutibox mitatmen und mit der Zirkularatmung spielte er Didgeridoo, gleichzeitig mit jeder Hand ein anderes Instrument und mit dem Fuss ein weiteres. «Mich gibt es wirklich», hat Yvonn Scherrer eines Tages erfahren. Und das war in jenem Moment, als sie ihre Hände zum ersten Mal mit einer Sandelholzseife wusch. Sandelholz ist ihr Lieblingsduft und kommt aus Sri Lanka, dem Land, das sie «überwürzt» nennt. Der Schnupperlehre gibt sie eine neue Bedeutung, das «Schweisseln» bezeichnet sie als Angriff und wenn sie einmal von dieser Welt verduftet, weiss sie genau, aus welchen Komponenten die Duftnote zusammengesetzt sein muss.

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