Wo früher das plüschige Spielzeug lag, ist heute das verhängnisvolle weisse Pulver

Zum 100-Jahr-Jubiläum gewährte der Polizeihundeführer-Verein St. Gallen-Appenzell Einblick ins wöchentliche Training. Die Gruppe St. Gallen 1 übt in Rorschacherberg.

Olivia Hug
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Rorschacherberg. «Der Polizeihund macht 95 Prozent Nasenarbeit», sagt Eugen Rentsch, Übungsleiter der Gruppe St. Gallen 1. Trainiert wird im leerstehenden Gebäude des ehemaligen Restaurants Sulzberg. Schäferhündin Goja spürt im Nu den im Schrank versteckten «Täter» auf und bleibt bellend davor stehen. Nun kann der Polizeihundeführer ihn heraus kommandieren. Zur Bestätigung für ihre gute Arbeit reicht er Goja eine «Beisswurst».

Der Deutsche Schäferhund Gonzo ist gerade einmal drei Monate alt. Sein Besitzer, Kantonspolizist Walter Mittelholzer, versteckt sich in der alten Gaststube mit dem Ziel, vom Hund aufgespürt zu werden. Was dem Tier ein Spiel ist, ist für die Hundeführer bereits frühestes Training. So hat auch die Malinois-Hündin Akira vom technischen Leiter des Polizeihundeführer-Vereins St. Gallen-Appenzell, Peter Rohner, erst nach ihrem liebsten Spielzeug gesucht, ehe sie aufs Aufspüren von Drogen spezialisiert wurde. Heute findet sie in kurzer Zeit ein Päckchen Kokain hinter einer Holzwand – egal, ob im Training oder im Ernstfall. «Der Hund kann nicht unterscheiden», erläutert Eugen Rentsch. Er merkt höchstens, dass sein Herrchen im Ernsteinsatz nervös ist.

Spuren in Luft und auf Boden

Sechs Polizisten der Kantonspolizei St. Gallen und einer der Stadtpolizei St. Gallen trainieren montags im Rorschacherberg. Heute ist auch Marco Casutt mit Vizslahündin Bagheera vor Ort. Als «Spezialhund» wird sie im Mantrailing eingesetzt – sie sucht also nach vermissten Personen. Die Nase hoch in der Luft, schnuppert sie nach dem Individualgeruch des Gesuchten. So können Distanzen von mehreren Kilometern zurückverfolgt werden. Eine andere Methode hat Schäferrüde Kanto auf der Suche nach Gegenständen. Die Nase knapp über Boden registriert er Bodenverletzungen und verfolgt die Fährte. Was er gefunden hat, gibt er aktiv durch Bellen oder passiv dadurch an, dass er sich hinlegt.

Geräuschvoll oder geräuschlos

Zwei Möglichkeiten der Zeichensetzung an seinen Hundeführer gibt es bei der Personensuche – ob nach Tätern oder Vermissten. So kann das Tier verbellen oder «bringseln». Beim letzteren trägt der Hund eine Veste, an welcher das «Bringsel» befestigt ist. Stösst der Hund bei seiner Suche, beispielsweise im Wald, auf einen Menschen, nimmt er selbständig das Bringsel in den Mund und läuft damit zu seinem Führer. So weiss dieser, dass das Tier jemanden gefunden hat und folgt ihm dorthin. «Bringseln eignet sich besonders im Falle von eingeschüchterten oder verwirrten Personen», schildert Eugen Rentsch. So werde die Person nicht zusätzlich erschreckt. «Ein bringselnder Hund kann aber auch blitzschnell auf Bellen oder Beissen umstellen, sollte sich die gesuchte Person als Täter äussern, der den Hund angreifen will», fügt der Übungsleiter an.

Führer liest seinen Hund

Wie aufmerksam ein Polizeihund ist, zeigt sich am Beispiel der Malinoishündin Joya von Kantonspolizist Pascal Frommenwiler. Sofort erkennt sie, dass es sich beim bewaffneten «Täter» um die Zielperson handelt, die sie angreifen und stellen muss. Den unbeteiligten Anwesenden schenkt sie keine Beachtung. «Dazu muss der Polizist seinen Hund lesen können», beschreibt Eugen Rentsch. Denn erst wenn der Hundeführer erkennt, dass der Hund die richtige Person fokussiert, lässt er ihn von der Leine.

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