Wo der Herbst im Appenzellerland betriebsam ist

Eine Reise mit fünf Stationen: Die Geschichte erzählt von Beeren und Kürbissen, vom Glacéverkauf an der Ebenalpbahn, von Wachskursen für Frauen, vom Aufwand für Wildgerichte und von gestapelten Pneus.

Lukas Pfiffner
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An der Alpsteinstrasse in Herisau ist immer noch Sommer. «Ja, ja, es hat noch.» Cornel Schildknecht deutet auf die Schalen mit Himbeeren und Erdbeeren. Für den Betrieb seines Bruders Roman («Beeribuur» in Mörschwil) verkauft er seit etwa 15 Jahren jeweils von Mai bis in den November hinein jeden Samstag Gemüse, Beeren und Obst – saisonale und regionale Produkte. Auf dem Vorplatz der Firma Kuhn Champignon werden auch Quitten, Baumnüsse, Holundersirup oder Honig angeboten. «Aktuell ziehen in dieser Zeit die Kürbisse aus dem Eigenanbau an», erzählt Schildknecht. Es sei eine gute Verkaufssaison gewesen, ergänzt er. 80 bis 90 Prozent der Käufe würden durch Stammkundschaft erfolgen, schätzt Schildknecht. «Der Rest sind Touristen, die zum Beispiel Richtung Alpstein unterwegs sind und etwas kaufen», sagt er und blinzelt in die Herbstsonne.

Die Anweiser auf den Parkplätzen in Wasserauen haben enorm viel zu tun. Pfefferbeere Foodstories kündigt für die Loki den «Startschuss Winterkitsch» per Anfang November an. An der Talstation der Ebenalpbahn hängen Infos für Flugsportler, für Kletterer und für Skifahrer nebeneinander. Einige der Leute, die ein Billett kaufen, tragen Sonnen-Caps, andere Skimützen oder Zipfelkappen. Warm ist es nicht, zum Herbstwandern das Wetter aber ideal. Wer mit kurzer Hose dasteht, ist ein Exot. Hat die Frau am Kiosk schon ein Glacé verkauft? «Heute noch nicht. Aber das kommt schon noch», sagt Martina Ulmann nach den Erfahrungen des Vortags. Ihr Schwager führt den Betrieb. «September und Oktober sind die besten Monate», erzählt sie und meint die Nachfrage an der Bahn wie am Kiosk. Ein Gleitschirmpilot nähert sich. «Heute ist die Thermik wohl nicht so toll.» Er erkundigt sich nach einem Getränk mit Mint.

Jedes Gestell, jeder Meter ist neu bestückt worden

Weiter nach Appenzell. «Der Herbst ist für uns der Start in den Winter», sagt Karin Baumann von Sport Baumann. Man wolle und müsse für die Leute bereit sein, die sich für die nächsten Wochen und Monate eindecken würden; sei es mit Skis, Skischuhen, Bekleidung. Jedes Gestell, jeder Meter, jede Wand ist im Herbst neu bestückt worden. «Das ist ein grosser Aufwand, den wir nebenher leisten – zum Beispiel frühmorgens oder am Abend.» Auch die Abteilung der Freizeitmode wurde neugestaltet. «Natürlich haben wir alles Kurze weggeschafft», sagt die Chefin und lacht. «Die Herbstfarben der Bekleidung sind, verglichen mit den hellen Frühlingsfarben, eher gedämpft.»

Der Herbst und Winter seien für ihren Betrieb besonders intensiv. Erstens erfordern viele Produkte eine ausführliche Beratung, zweitens seien die Arbeiten im technischen Bereich aufwendiger als etwa im Sommer – zum Beispiel was die Werkstatt betreffe. Entsprechend viele Personalstunden würden da zusammenkommen. Ein Schild macht vor dem Geschäft auf einen «Wachskurs explizit für Frauen» aufmerksam. Die würden sich ansonsten wenig getrauen, Fragen zu stellen, erzählt Karin Baumann. Überhaupt, die Hinweisschilder. An Hinterländer Strassenrändern werben Plakate für die «Herbstfasnacht 1001 Nacht», die in den nächsten Tagen in einer Bar in Schönengrund beginnt. Sachen gibt es. Und weil Halloween nicht weit ist, wird im Vorderland die Horror Night in Wolfhalden angekündigt.

Am häufigsten zu sehen sind freilich Plakate und Schilder, die auf Metzgete und Wildspeisen hinweisen. «Der Herbst ist eine sehr schöne, aber auch strenge Zeit», meint Robert Hangonyi, Geschäftsführer im Restaurant Krone in Heiden. Die Wildsaison mit all den Beilagen sei aufwendig, damit immer frische Speisen auf den Tisch kämen. Sein Betrieb hat seit September bis Ende Oktober Wildwochen ausgeschrieben. Bei der Kundschaft am beliebtesten sei der Rehpfeffer, erzählt Hangonyi. Oft werde dann ein Glas Wein oder Sauser dazu getrunken. «Selber bevorzuge ich Rehfilet.» Im Angebot für Mittag und Abend sind unter anderem auch Kürbiscrèmesuppe, Hirschschnitzel und Steinpilztortellini aufgeführt.

Zurück in Herisau. «Zeit für Winterpneus», heisst es an der Türe. «Wir sind froh. In diesem Jahr haben sich erfreulich viele Leute früh gemeldet», sagt Stefan Fässler. Er ist Werkstattchef der Auto Lanter AG in Herisau. Seit drei Wochen sei der Betrieb so richtig mit Räder- und Pneuwechseln beschäftigt. Die üblichen Arbeiten im Servicebereich würden daneben weiterlaufen, ergänzt Fässler. Allenfalls werden gewisse Dinge, die nicht ganz so dringend seien, auf später verschoben. «Aber grundsätzlich finden es die meisten Kunden natürlich gut, wenn sie nur zweimal im Jahr den Wagen in der Garage haben: einmal im Frühling und einmal im Herbst.»

Ferien von Mitarbeitern sind in dieser Zeit eher die Ausnahme

Bis zu 40 Fahrzeuge werden aktuell pro Tag auf Winter getrimmt. Ferien von Mitarbeitern seien in dieser Zeit eher die Ausnahme, erzählt der Werkstattchef. Der Betrieb hat auch am Samstagmorgen geöffnet, mit reduziertem Personal. Dies ist aber nicht dem aktuellen Andrang in Sachen Pneus geschuldet, sondern üblich. Bei unserem Besuch kurz vor dem Mittag liegen zahlreiche Pneus und Räder in Stapeln und mit Halternamen sowie Fahrzeugnummer angeschrieben in der Halle bereit. «Die werden am Montag montiert.»