WM in Russland mit Privattrainer

Armbrustschützin Tamara Menzi reist als dreifache Titelverteidigerin nach Ulan-Ude. Ob sie die U23-Konkurrenzen, wie vor einem Jahr in Frankfurt, dominieren wird, hängt von vielen Faktoren ab.

Urs Huwyler
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Tamara Menzi (Bild: Urs Huwyler)

Tamara Menzi (Bild: Urs Huwyler)

ARMBRUSTSCHIESSEN. Goldmedaillen haben jeweils auch eine Kehrseite. Sie schüren Erwartungen und setzen die Sieger ein Jahr nach dem Triumph zusätzlich unter Erfolgsdruck. Armbrustschützin Tamara Menzi (Ebnat-Kappel) gewann 2014 in Frankfurt als Quereinsteigerin und international unbeschriebenes Blatt bei den U23 die Titel über 30 m kniend, in der Kombination (kniend/stehend) und mit dem Team. Dazu kam Bronze mit der 10-m-Mannschaft. Podestplätze im russischen Ulan-Ude sind demnach für die Öffentlichkeit sportliche Minimalziele. Die 20jährige Bankkauffrau weiss, wie Chef Spitzensport Gerold Pfister (Wolfertswil), dass es selbst in einer Randsportart keine Edelmetall-Garantie gibt. Doch Puzzleteile können zu einem positiven Gesamtbild beitragen. Gery Pfister hat mit den Nationaltrainern zusammen einen nicht alltäglichen Entscheid gefällt: Auf Wunsch der Schützin wird sie in der Hauptstadt der Teilrepublik Burjatien im südöstlichen Sibirien von ihrem persönlichen Coach Erhard Hüppi betreut. «Wenn wir dadurch die Erfolgschancen erhöhen können, ist die Massnahme sinnvoll», sagt Pfister. «Er kennt Tamara besser als die andern Delegationsmitglieder.»

Dreimal Zweite

Erhard Hüppi, der 2016 bei der EM in Zürich als OK-Präsident amtet und schon als Teamchef Erfahrungen an Olympischen Spielen und Weltcups sammelte, spricht von «Weitsicht und Grösse» der Verantwortlichen. «Eine Garantie gibt es nicht und die Kurve kann nicht immer aufwärts zeigen. Die Belastung für Tamara wird eine andere sein als vor einem Jahr», weiss der erfahrene Schiesssport-Fachmann. Und fügt an, sie könne die Sache trotzdem ruhig angehen. Schliesslich sei sie bereits dreifache Weltmeisterin und das Armbrustschiessen habe das polysportive Talent kaum verlernt. Dass die Gewehr- und Armbrustschützin die drei nationalen Meistertitel (30 m) aus dem Vorjahr nicht verteidigen konnte (dreimal Zweite), wertet Hüppi nicht als Nachteil. So würden die Hoffnungen in Ulan-Ude teamintern auf mehrere Schultern verteilt.

Freizeit-Allrounderin Tamara Menzi (ASV Wattwil, SC Ulisbach, LG Ebnat-Kappel und Samariterverein Wattwil) äussert sich realistisch. Sie spricht nicht von «Podestplätzen», sondern «Podestplatz». Chancen erhält sie mehrere, nachdem sie von der Selektionsbehörde für alle Wettkämpfe nominiert wurde. Das sind auf den Distanzen 10 m (Einzel, Team) und 30 m (Kniend, Stehend, Kombination, Team) sechs Einsätze. Offen bleibt die Frage, mit welchen Schützinnen und Schützen die gemeldeten 15 Nationen antreten. Die Reise nach Ulan-Ude soll für einige Verbände zum finanziellen Kraftakt werden, so dass sie die Kontingente kaum ausschöpfen könnten.

Flug ab Frankfurt

Die Westeuropäer reisen mit einer Charter-Maschine ab Frankfurt nach Russland und zurück. Am 20. August beginnt die WM mit dem Baikal-Cup. Um Medaillen wird ab dem 22. August geschossen. Nach Abschluss der Titelkämpfe soll ein Ausflug an den Baikalsee (ältester Süsswassersee der Erde) zum kulturell-touristischen Höhepunkt werden. Mit der einen oder andern Medaille im Gepäck würde der Besuch des «Heiligen Meers» für das Duo Tamara Menzi/Erhard Hüppi wohl zur Genussreise.