«Wir sind Appenzeller. Punkt. Amen.»

Zwei Kantone, zwei Landammänner, ein Interview: Matthias Weishaupt (AR) und Roland Inauen (AI) über das Zusammenrücken der beiden Appenzell, die Expo 2027 und die Flüchtlingskrise. In vielem sind sich die beiden Historiker einig – aber nicht in ganz allem.

Michael Genova/Patrik Kobler
Drucken
Teilen
Die Landammänner Roland Inauen, Appenzell Innerrhoden, und Matthias Weishaupt, Appenzell Ausserrhoden, blicken beide auf ein bewegtes Jahr in ihrem Kanton zurück. (Bild: Michael Genova)

Die Landammänner Roland Inauen, Appenzell Innerrhoden, und Matthias Weishaupt, Appenzell Ausserrhoden, blicken beide auf ein bewegtes Jahr in ihrem Kanton zurück. (Bild: Michael Genova)

Herr Weishaupt, wie verbringen Sie Silvester?

Matthias Weishaupt: Ich schaue mir die Silvesterkläuse an, am Morgen in Stein, am Mittag in Teufen. Den Abend verbringe ich im Freundeskreis.

Und Sie, Herr Inauen?

Roland Inauen: Ich verbringe den Tag im privaten Kreis. Silvester ist für mich ein Moment der Ruhe. Räuchlen gehört aber zu Silvester dazu.

Mit welchen Gefühlen schauen Sie auf das vergangene Jahr zurück?

Weishaupt: Wir hatten aus Sicht des Regierungsrates ein intensives Jahr. Die Reorganisation der Verwaltung und die Reduktion des Regierungsrates von sieben auf fünf Mitglieder sind ein Jahrhundertereignis.

Wie sind die ersten Erfahrungen im verkleinerten Gremium?

Weishaupt: Wir sind zwar nur noch fünf Regierungsräte, hatten aber in den vergangenen sieben Monaten immer noch sieben Departemente. Ab morgen gibt es nur noch fünf Departemente. Unsere ersten Erfahrungen sind sehr gut. Wir haben weniger Schnittstellen und sind effizienter geworden.

Inwiefern effizienter?

Weishaupt: Der Satz «Fünf sind viel mehr als zwei weniger von sieben» bringt es auf den Punkt. Es sind nicht bloss zwei Regierungsmitglieder weniger. Wir haben jetzt einen ganz anderen gruppendynamischen Prozess.

Wie war Ihr Jahr, Herr Inauen?

Inauen: Ich war in meinem Departement mit den schwierigen und traurigen Ereignissen am Gymnasium gefordert. Zudem hat die Standeskommission die Weichen für verschiedene Infrastrukturprojekte gestellt. Das neue Hallenbad wurde an der Landsgemeinde zurückgewiesen. Wir konnten inzwischen eine Bereinigung vornehmen. Das Hallenbadprojekt wird Sache des Kantons. Dafür sind die Bezirke neu für das Projekt Schaies verantwortlich.

Wie wirken die Ereignisse am Gymnasium mit dem Abgang des Rektors und dem Todesfall eines Lehrers nach?

Inauen: Das Gymnasium bewegt sich wieder in ruhigen Bahnen. Die interimistische Schulleitung funktioniert sehr gut. Wenn alles wie geplant läuft, wählt die Standeskommission Anfang Jahr einen neuen Rektor oder eine neue Rektorin. Ausserdem befinden sich die Strategieprozesse auf gutem Weg. Die Revision der Gymnasialverordnung geht jetzt ins Parlament.

Wie sieht es mit der Zusammenarbeit zwischen dem Gymnasium Appenzell und der Kantonsschule Trogen aus?

Inauen: Die Schulleitungen pflegen einen intensiven Kontakt und arbeiten dort zusammen, wo es sinnvoll ist. Die Schüler zwischen Appenzell und Trogen hin- und herzufahren, wäre logistisch aber eine zu grosse Herausforderung. Deshalb lassen wir das zurzeit bleiben. Im übrigen sind auch die beiden Schulsysteme und somit die Lehrpläne nicht kompatibel. In Appenzell haben wir ein Langzeitgymnasium, Trogen ist ein Kurzzeitgymnasium.

Ist ein gemeinsamer Rektor für beide Schulen denkbar?

Inauen: Nein. Solange zwei unterschiedliche und selbständige Organisationen existieren, gehe ich davon aus, dass es auch zwei Rektoren braucht.

Wie sieht ganz generell die Zusammenarbeit zwischen den beiden Kantonen aus?

Weishaupt: Die ist sehr gut. Das Jubiläumsjahr 2013, in dem wir gemeinsam den Beitritt zur Eidgenossenschaft vor 500 Jahren feierten, wirkt nach. Das merkt man sowohl in der Zusammenarbeit der Regierungen als auch in der Bevölkerung. Wir ziehen immer mal wieder am selben Strick. Das schätze ich sehr.

Inauen: Ich kann das nur bestätigen. Die beiden Appenzell sind sich nähergekommen. Jetzt kann man die Früchte ernten, die man gesät hat. Dass Silvesterkläuse im Hof Weissbad ihre Hauben und Hüte ausstellen, wäre vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen.

Was hat zum Mentalitätswandel beigetragen?

Inauen: Meines Erachtens war es ein Negativerlebnis: Beim Jubiläum 600 Jahre Schlacht am Stoss kam die Zusammenarbeit nicht zustande. Das wurde allenthalben bedauert und kritisiert. Aus diesem Negativerlebnis heraus haben sich die beiden Regierungen zusammengerauft.

Weishaupt: Die Zusammenarbeit der Regierungen hat schon sechs, sieben Jahre vor dem Jubiläum begonnen. So haben sich die Regierungsmitglieder kennengelernt und mit dem gemeinsamen Projekt gemeinsam Probleme gelöst.

Inauen: Inzwischen ist die gute Zusammenarbeit fast schon Normalität. Wir ticken gleich. Wenn wir in die Ostschweiz blicken, sind sich die beiden Appenzell näher als zum Beispiel die Innerrhoder den St. Gallern oder die Ausserrhoder den Thurgauern.

Weishaupt: Wir sind beides Appenzeller. Punkt. Amen. Das ist eine historische Verbindung. Die Religion hat heute keine trennende Wirkung mehr. Man lässt sich gegenseitig leben. Das war in früheren Jahrzehnten noch anders.

Dann gibt es den vielbeschworenen Graben nicht mehr?

Weishaupt: Wir können uns immer noch näher kommen, beispielsweise im Tourismus. Dass wir uns hier mehr verschränken, ist ein Ziel der nächsten Zukunft.

Wenn die Zusammenarbeit so befruchtend ist, dann ist es bestimmt nur eine Frage der Zeit, bis sich auch Innerrhoden an der Expo 2027 beteiligt.

Inauen: Wir entscheiden, sobald klar ist, was die Expo kostet, was angedacht ist, und wenn die Mitfinanzierung des Bundes gesichert ist. Die Standeskommission kann nicht einfach sagen, wir machen mit. Denn mit Vorlagen ab einer Million Franken müssen wir vor die Landsgemeinde.

Der Ausserrhoder Kantonsrat genehmigte kürzlich den Kredit für die Machbarkeitsstudie. Was hat das bei Ihnen ausgelöst?

Inauen: Ich war überrascht von der Klarheit und Eindeutigkeit des Entscheids. Ausserrhoden geht mit Überzeugung ans Projekt heran. Meine Skepsis bleibt, denn ich bin Expo-geschädigt. Ich war bei der Expo02 beim Ostschweizer Projekt «Aua extrema» dabei. Das ist für mich ein Beispiel, das nicht nachhaltig war. Die Nachhaltigkeit muss aber dringend gegeben sein. Es kann nicht sein, dass man gigantische Bauten hinstellt und diese dann wieder abreisst.

Weishaupt: Die Debatte im Kantonsrat zeigte, dass die Nachhaltigkeit von allen Seiten gefordert wird. Sie ist im Vorprojekt verankert.

Ist die Expo 2027 eine Chance für den Tourismus im Appenzellerland?

Inauen: Ich würde nicht auf den Tourismus fokussieren. Der Tourismus ist für Innerrhoden ein extrem wichtiger Wirtschaftsfaktor. Wenn aber noch viel mehr Touristen kämen, müssten wir die Infrastruktur gewaltig ausbauen. Bei der Expo geht es um den Zusammenhalt der Landesteile. Ob die Leute ins Appenzellerland kommen oder im Thurgau oder im St. Gallischen bleiben, spielt keine grosse Rolle.

Wie sehen Sie die Entwicklungen im Alpstein? Gerade um den Äscher gibt es zurzeit einen unglaublichen Rummel.

Inauen: Ich sehe das unaufgeregt. Der Hype kann schnell abflauen. Unser grosses Bestreben ist die nachhaltige Entwicklung des Tourismus. Die Bergwirte wissen haargenau, dass sie mit dem Kulturraum Alpstein sorgfältig umgehen müssen. Sie bauen aus, indem sie in die Qualität investieren. Der Alpstein hat heute wesentlich weniger Übernachtungsmöglichkeiten als vor 50 Jahren. Aus Massenlagern werden Einzelzimmer. Das erhöht die Wertschöpfung.

Weishaupt: Das Hotelprojekt auf der Schwägalp ist für mich ein hervorragendes Beispiel. Bei der Planung wurden die Interessenverbände frühzeitig eingebunden. Es besteht ein Bewusstsein, dass man dem Alpstein Sorge tragen muss.

Dennoch: Man strebt auch Wachstum an.

Weishaupt: Natürlich geht es um Wachstum. Mit neuen Denkansätzen und neuen Technologien lässt sich ein gewisses Wachstum verantworten.

Prägend in diesem Jahr war die Flüchtlingskrise. Wie nehmen Sie diese aus Appenzeller Perspektive wahr?

Weishaupt: Wir sind in der Pflicht, mehr Flüchtlinge und Asylsuchende zu betreuen. Es gibt Möglichkeiten, mehr Plätze zu schaffen. Kanton und Gemeinden befinden sich in engem Austausch.

Ganz allgemein herrscht angesichts der humanitären Katastrophe in der Bevölkerung eine grosse Offenheit.

Innerrhoden hat für die Flüchtlinge sogar das Kloster geöffnet. Gibt es keine Kritik?

Inauen: Mir kam nicht eine kritische Stimme zu Ohren. Die Flüchtlingskrise beschäftigt ganz Europa. Wir suchen intensiv nach Kapazitäten. Klar ist: Das Kloster soll nur eine temporäre Lösung sein.

Sie sind beide Historiker. In was für Zeiten leben wir?

Weishaupt: Es ist eine anspruchsvolle Zeit, in der sich vieles verändert. Die Schweiz als politischer Entwurf funktioniert – und zwar auch in Krisensituationen. Wir können aus dieser Stärke heraus etwas leisten.

Inauen: Europa und die Schweiz haben nie eine längere Blütezeit erlebt als seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Schweiz hat diese Zeit genutzt und ein Polster geschaffen. Europa hat sich nicht stark verändert wie andere Kontinente; man denke an die Entwicklungen in China oder Afrika. Gerade Afrika kommt immer näher.

Wie gehen die Leute damit um, dass die Welt immer näher kommt?

Weishaupt: Ich glaube nicht, dass sie immer näher kommt. Ausserrhoden beispielsweise war bereits im 18. Jahrhundert mit der Welt extrem vernetzt.

Inauen: Damals ist der Impuls aber von hier aus gegangen. Heute vernetzt sich Eritrea mit Appenzell.

Weishaupt: Der Kulturtransfer funktionierte immer in beide Richtungen. Die Häuser am Landsgemeindeplatz in Trogen sind nicht von hier.

Inauen: Das schon. Aber es sind keine eritreischen Häuser.

Weishaupt: Ja, aber es sind Häuser aus Lyon und Genua. Diese Architektur war damals fremd. Wir werden auch jetzt wieder lernen, mit Kulturen, Hintergründen und Schicksalen zu leben.

Inauen: Es gibt positive Beispiele. Zu meiner Schulzeit war Albanien noch Terra incognita. Wenn die Schweiz heute an der Fussball-EM auf Albanien trifft, spricht man von einem Bruderduell. Das zeigt doch, dass die Integration erfolgreich war. Das stimmt mich zuversichtlich.

Aktuelle Nachrichten