«Wir sind am richtigen Ort»

Die aus Herisau stammenden Luana Maffeo und Julia Blaser wurden mit einem Förderpreis ausgezeichnet. Ihre Projektarbeit fördert die Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung.

Gisela Tobler
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Luana Maffeo und Julia Blaser (von links) ermöglichten es ihrer Wohngruppe, selber über die Freizeitgestaltung zu entscheiden. (Bild: Peter Käser)

Luana Maffeo und Julia Blaser (von links) ermöglichten es ihrer Wohngruppe, selber über die Freizeitgestaltung zu entscheiden. (Bild: Peter Käser)

HERISAU. Ihr Arbeitsplatz ist die Wohngruppe «Pinocchio» bei der Stiftung Kronbühl in Wittenbach, wo sie sich um das Wohlergehen von sieben Kindern und Jugendlichen mit einer Mehrfachbehinderung im Alter von sieben bis siebzehn Jahren kümmern: Julia Blaser, 27 Jahre alt, und ihre vier Jahre jüngere Kollegin Luana Maffeo, zwei Fachfrauen Betreuung (Fabe) Behinderte, beide aus Herisau.

Mit Menschen arbeiten

«Es war schon früh mein Wunsch, im Sozialbereich tätig zu sein», erzählt Julia Blaser, «den ganzen Tag am Computer zu sitzen, das wäre nichts für mich.» Nach einer Schnupperlehre in der Stiftung Kronbühl sei es dann klar gewesen, dass sie mit Menschen mit einer Behinderung arbeiten möchte. Auch Luana Maffeo hatte keine Lust auf einen Alltag im Büro: «Mein Lehrer hat mich darauf hingewiesen, dass ich mich für einen sozialen Beruf eignen würde.»

Inzwischen haben sie nicht nur die dreijährige Ausbildung erfolgreich absolviert, sondern wurden vor kurzem auch mit dem Förderpreis Fabe ausgezeichnet. Dieser wird seit 2011 alljährlich für innovative Projekte verliehen, welche die Autonomie, Selbstbestimmung und Integration von Menschen mit Behinderung fördern. Lanciert wurde der mit insgesamt 4000 Franken dotierte Preis vom nationalen Branchenverband der Institutionen für Menschen mit Behinderung, der Höheren Fachschule für Sozialpädagogik und dem schweizerischen Berufsverband Fachperson Betreuung.

Kommunikation mit «Big Mack»

«Die Kinder und Jugendlichen unserer Wohngruppe sind körperlich und geistig stark eingeschränkt», erzählen die Betreuerinnen, «und anders als Menschen ohne Behinderung ist es ihnen nicht möglich, mitzuteilen, was sie gerne möchten.» Bis anhin sei es der Einfachheit halber Brauch gewesen, dass die Betreuerinnen jeweils über die Gestaltung des unterrichtsfreien Mittwochnachmittags in eigener Regie entschieden. Im Hinblick auf die Teilnahme am Förderpreis Fabe haben Julia Blaser und Luana Maffeo nun eine Methode erarbeitet, um die Selbst- und Mitbestimmung ihrer Schützlinge im Bereich der Freizeitgestaltung zu fördern. In der Folge durfte jedes Wohngruppenmitglied das Ausflugsziel an einem Mittwochnachmittag bestimmen, indem sie zwischen zwei Vorschlägen auswählen konnten. Ermöglicht wird dies dank unterstützender Kommunikationsmöglichkeiten wie Piktogramme und der elektronischen Sprachhilfe, des sogenannten «Big Mack».

Gefühle erkennen

In ihrer Projektbeschreibung haben die zwei Preisträgerinnen alle Abläufe und jeden durchgeführten Ausflug genau dokumentiert. An erster Stelle steht dabei das Wohlbefinden der Kinder und Jugendlichen. «Seit sie die Freizeitaktivitäten mitgestalten dürfen, hat sich ihre Begeisterung verstärkt», stellen die beiden Betreuerinnen erfreut fest. Ihre Gefühle zu erkennen, erfordere genaues Beobachten und viel Feingefühl. So kann Missfallen nonverbal durch Lautäusserungen oder über Mimik und Gestik zum Ausdruck gebracht werden.

Die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen, die an Mehrfachbehinderung leiden, sei eine grosse Herausforderung, aber ebenso gross sei die Befriedigung, sagen Julia Blaser und Luana Maffeo einhellig. Sie lieben ihren Beruf: «Kein Tag ist wie der andere, und wir nehmen jeden Menschen einfach so, wie er ist.» Aber: «Es ist keine einfache Aufgabe, und man muss schon der Typ dazu sein.»