Wir sind alle Menschen

Ein Jahr ist seit dem Ja zur Masseneinwanderungs-Initiative vergangen. Die Themen Einwanderung, Asyl, ausländische Arbeitskräfte und Flüchtlinge sind jedoch nach wie vor aktuell.

Veronika Henschel
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Veronika Henschel Nesslau (Bild: pd)

Veronika Henschel Nesslau (Bild: pd)

Ein Jahr ist seit dem Ja zur Masseneinwanderungs-Initiative vergangen. Die Themen Einwanderung, Asyl, ausländische Arbeitskräfte und Flüchtlinge sind jedoch nach wie vor aktuell. Auch andere Schlagzeilen wiederholen sich: In Syrien gab es in den letzten vier Jahren 210 000 Tote, davon sind etwa 10 000 Kinder. Gleichzeitig sinken Schiffe vor den Küsten Griechenlands, Spaniens oder der Türkei und reissen Menschen in den Tod, die vor den vorher genannten Todeszahlen fliehen.

Während wir uns hier über zu wenig Platz in den Zügen und zu viele fremde Sprachen aufregen, nehmen Länder wie Jordanien, Libanon, Türkei zehn- und oft sogar zwanzigmal so viele Flüchtlingen auf wie die EU und die Schweiz. Wie kann das sein?

Als Kind lernten wir, dass wir nicht alles für uns alleine haben können. Und unseren eigenen Kindern bringen wir bei zu teilen. Mit ihren Geschwistern, Klassenkameraden, Nachbarn – mit ihren Mitmenschen. Wenn ich zwei Äpfel habe und der andere keinen, dann gebe ich ihm einen, anstatt beide Äpfel alleine zu essen. Für viele ist das selbstverständlich und auch nicht schwer, schliesslich bleibt uns selber immer noch ein Apfel. Doch sobald es nicht mehr um Äpfel geht, wird es schwieriger. Will, soll und kann ich auch mein Haus teilen, meine Infrastruktur, Strassen und Natur, mein Zugabteil?

Zuerst einmal: Das alles gehört gar nicht «mir». Die Natur war schon da, die Infrastruktur haben wir alle mitfinanziert bzw. vor allem die Generationen vor uns, und wenn ich für ein Zugticket bezahle, steht mir nicht mehr als ein Platz zu. Mein Haus – nun ja, mein Haus mag schon mir gehören. Aber wir alle kommen nackt zur Welt, mit nichts; es wird uns alles irgendwie gegeben.

Es war keine persönliche Leistung von mir, auf der nördlichen Hälfte der Weltkugel geboren zu werden und all diese Chancen zu bekommen. Ich hatte einfach Glück. In dem Sinn ist auch mein Haus nicht mein Haus.

Weiter also: Kann ich all dies teilen? Dafür reicht eine einfache Tabelle mit «Wie viel habe ich?» auf der einen und «Wie viel brauche ich wirklich?» auf der anderen Seite. Bei fast allen von uns ist die Liste nach der ersten Frage sehr viel länger als nach der zweiten. So viel Überflüssiges, so viel, das wir teilen könnten, abgeben, weitergeben.

Zusammengefasst: Wir haben viel, wir haben sehr viel mehr als wir brauchen, und wir haben es einfach so bekommen. Andere haben wenig, zu wenig zum Überleben und können nichts dafür.

Angesichts dieser Tatsachen ist es überheblich, gierig, anmassend und selbstgerecht, Menschen in Not nicht aufnehmen zu wollen. Menschen als illegal zu bezeichnen, sie zurück in Krieg, Hunger, Elend schicken zu wollen. Die einen Menschen als wichtiger und wertvoller zu betrachten als die anderen, aufgrund ihrer Nationalität oder Hautfarbe. Wir sind alle Menschen, von Gott gewollt und geliebt. Wir sollten anfangen, uns gegenseitig auch so zu behandeln.