«Wir leben hier im Paradies»: Wie die Trogner Szenografin Karin Bucher und der Filmemacher Thomas Karrer die Coronakrise erleben

Die Trogner Kunstschaffenden Karin Bucher und Thomas Karrer sprechen über den Alltag während der Pandemie.

Interview: Charlotte Kehl
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Karin Bucher und Thomas Karrer bauen Alltagsgegenstände für die Ausstellung «Vom Glück vergessen».

Karin Bucher und Thomas Karrer bauen Alltagsgegenstände für die Ausstellung «Vom Glück vergessen».

Bild: Charlotte Kehl

Nicht nur die Wirtschaft leidet unter der Coronapandemie. Auch die Kulturschaffenden sind davon betroffen. Szenografin Karin Bucher und Filmemacher Thomas Karrer aus Trogen geben im Doppelinterview einen Einblick, wie sie mit der aktuellen Situation umgehen und erklären, welche Aufgabe die Kunst sowie die Kunstschaffenden während der Krise haben.

Wie hart trifft Sie beide die Pandemie persönlich?

Karin Bucher: Zum Glück stehen wir mit unseren Langzeitprojekten nicht zu sehr unter Druck. Wir sind es gewohnt, weiträumig zu denken. Und zum Glück habe ich noch eine Teilzeitanstellung an der Talentschule für Gestaltung in St.Gallen.

Thomas Karrer: Wahrscheinlich spüren wir es erst später, in einem Jahr, wenn geplante Projekte nicht nur verschoben werden, sondern sogar ausfallen.

Karin Bucher: Aber durch die verschiedenartigen Projekte und Engagements sind wir recht gut aufgestellt. Dafür sind wir dankbar. Wir geniessen es sogar, etwas herunterfahren zu können. Es geht nicht allen so. Viele Künstler haben berechtigt Angst und brauchen Unterstützung.

Aber auch bei Ihnen läuft nicht alles wie geplant.

Karin Bucher: Das ist so. Es läuft gar nichts wie geplant! Die auf den 14. Mai geplante Sonderausstellung im rätischen Museum in Chur mit dem Titel «Vom Glück vergessen» wird auf August verschoben und dauert dann dafür bis ins Frühjahr 2021. In sechs extra gebauten Kartonräumen sollen anhand von fünf Lebensgeschichten fürsorgerische Zwangsmassnahmen dargestellt werden. Beinahe 100 Jahre Sozialgeschichte des Kantons Graubünden werden unter die Lupe genommen. Hätte die Ausstellung am geplanten Datum stattgefunden, wäre der Zeitrahmen extrem dicht gewesen. Die Verschiebung ist für uns eine grosse Chance, mehr in die Tiefe gehen zu können.

Woher kommt derzeit das Geld für den Lebensunterhalt?

Karin Bucher: Meine Teilzeitanstellung gibt uns etwas finanzielle Sicherheit. Die regelmässigen Einnahmen von Thomas hingegen fallen der Pandemie zum Opfer.

Thomas Karrer: Ich bin an der Universität St.Gallen zuständig für Kamera und Schnitt bei Filmen für die Website. Da läuft gar nichts mehr. Die Premiere zu meinem neuen Film «Zwischenwelten» am 16. April, sowie Vorstellungen in 30 Kinos in der ganzen Schweiz, konnten wir verschieben. Ich möchte bei diesem Film nicht auf Streaming setzen, wie das nun viele Kinos anbieten. Dieses Projekt möchte ich begleiten mit Gesprächen zwischen Publikum und Akteuren. Ich habe beim Machen von «Zwischenwelten» sehr viel über die Balance zwischen Leben, Arbeiten, Eigenverantwortung und Gesundheit gelernt. Eigentlich ist der Film topaktuell und passt hervorragend in die anschliessende Regenerationszeit.

Was bedeutet diese Krise für Sie? Was geht nicht oder nur noch anders?

Karin Bucher: Im Moment geniessen wir die zusätzliche Zeit zum Aufräumen, Ordnen und sauber machen. Die Herausforderung ist, wie wir mit der kommenden Rezession umgehen. Wenn sich alle zurückhalten und kein Geld mehr ausgeben, dann wird sie umso grösser ausfallen. Solidarität bedeutet hier auch, mehr Eigenverantwortung zu übernehmen: Was kann ich selbstständig verkraften, wie kann ich unterstützen? Diese Krise fordert von uns ein Umdenken, wie wir mit Zeit und mit Leerzeit umgehen. Nicht nur für Künstler ist es eine Chance, zur Ruhe zu kommen, neu zu überlegen: Was will ich wirklich.

Thomas Karrer: Wir freuen uns sehr, nun in Muse unseren neuen Film über die von Le Corbusier gebaute Stadt Chandigarh in Indien schneiden zu können. Aus unserer Zeit dort als Artists in Residence der Ausserrhodischen Kulturstiftung haben wir viel Filmmaterial mit nach Hause genommen. Oft denken wir jetzt an unsere indischen Freunde. Auch dort prägt das Virus das Leben. Die meisten verfügen nur über minimalen Wohnraum – das Leben findet vorwiegend draussen statt. Abstand halten ist ein Ding der Unmöglichkeit. Wir leben hier im Paradies.

Karin Bucher: Wir wollten eigentlich mit den Proben für das neue Theaterstück «Hand im Glück» beginnen, das im März 2021 im Zürcher Theater Stadelhofen auf die Bühne soll. Gemeinsames Erproben und Improvisieren ist nicht möglich. Stattdessen arbeitet jeder für sich. Danach lassen wir die entstandenen Ideen einfach mal aufeinanderprallen und schauen, was passiert.

Was ist die Aufgabe von Kunst sowie Künstlerinnen und Künstlern in solchen Zeiten?

Thomas Karrer: Ich bin weggekommen von der Ansicht, dass der Kunst eine Vordenkerrolle zukommt. Aber wir, die Filme und Theater machen, glauben seit je daran, dass Menschen die dreidimensionalen Erfahrungen brauchen, jetzt erst recht. Im Strudel der immensen Digitalisierung der letzten Jahre erleben wir dessen grosses Potenzial, aber auch die sozialen Gefahren. Kunst ist nicht mehr nur Narrentum, sondern muss sich den sozialen Anforderungen stellen.

Karin Bucher: In allen unseren Kunst- sowie Lebensprojekten stand die Frage im Vordergrund «wie gelingt Gemeinschaft?», sei es beim Wohnen, beim Arbeiten oder in der Gesellschaft. Zusammen können wir grosses Schaffen. Dies war auch der Angelpunkt des Theaterprojekts «Das glückselige Leben» vom letzten Sommer in Trogen. Die Schwierigkeit liegt im Ausloten von Nähe und Distanz. Das bringt dieses Virus offen zutage. Wie können wir uns offenen Herzens eigenverantwortlich begegnen – nicht nur in Schwarz und Weiss denken, sondern in Grautönen, Zwischentönen und Zwischenwelten.