«Wir können Hoffnung geben»

WATTWIL. Seit fünf Jahren arbeitet Monika Dobler, Pflegefachfrau HF, auf der Onkologieabteilung im Spital Wattwil. Sie tritt auf sehr persönliche Art und Weise mit den Chemotherapiepatienten in Kontakt, wenn diese zur Behandlung kommen.

Martina Signer
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Monika Dobler beim Nachtragen einer Krankenakte im Raum, wo Patienten die Chemotherapie besuchen. (Bilder: Martina Signer)

Monika Dobler beim Nachtragen einer Krankenakte im Raum, wo Patienten die Chemotherapie besuchen. (Bilder: Martina Signer)

Es ist eine Krankheit, die jeden treffen kann. Alt, jung, arm, reich, männlich, weiblich – niemand ist davor gefeit, eines Tages an Krebs zu erkranken. Und niemand spricht gerne darüber. Oder doch?

Monika Dobler betreut seit fünf Jahren Krebspatienten, welche zur Chemotherapie ins Spital Wattwil kommen, und sie weiss: «Eigentlich sprechen die meisten Patienten gerne über ihre Krankheit.» Man habe vielleicht als Aussenstehender das Gefühl, man dürfe mit Krebspatienten nur über schöne Dinge reden, die Krankheit auf keinen Fall ansprechen. Doch meist ist das Gegenteil der Fall. «Viele Patienten unterhalten sich mit mir über den Tod oder darüber, was sie bis dahin noch alles erleben möchten. Sie wissen ganz genau, was auf sie zukommen kann.» Monika Dobler ist nah dran an den Patienten. Wenn sie bis zu sieben Stunden in der Chemotherapie verbringen, bis der Körper alle Medikamente aufgenommen hat.

Die Menschen hinter dem Krebs

Wochen und Monate dauert eine Chemotherapie. In dieser Zeit lernen Monika Dobler und ihre Kolleginnen die Menschen hinter der Krankheit kennen.

Meist sind es Menschen, die über 50 Jahre alt sind. Manchmal sind sie jünger. Sie leiden an unterschiedlichen Arten von Krebs. Brust-, Bauchspeicheldrüse-, Prostata-, Blut-, Darm- oder Lungenkrebs. Monika Dobler weiss, dass sie einen gewissen Abstand zu den Patienten bewahren muss. Würde sie an den Schicksalen zerbrechen, hätte sie den falschen Beruf. Dennoch lässt sie sich gerne auf Gespräche ein. Beantwortet Fragen, so gut sie kann. Verweist, wenn nötig, an die zwei Onkologiefachärztinnen, die zwei Tage in der Woche am Spital Wattwil sind, oder an Chefarzt Jürg Winnewisser, der ebenfalls Onkologiesprechstunden abhält (siehe Interview). Viele Patienten kommen in die Chemotherapie, um die Krankheit ein Stück weit erträglicher zu machen. Denn laut Monika Dobler sind viele unheilbar krank. Es geht bei diesen Menschen nicht mehr darum, den Krebs zu bekämpfen, sondern darum, Schmerzen zu nehmen, damit sie die letzte Zeit, die ihnen bleibt, möglichst wenig leiden. «Viele wollen noch reisen, noch etwas erleben. Dabei können wir ihnen helfen. Wir können ihnen Hoffnung geben», sagt die Pflegefachfrau. Hoffnung auf weniger Schmerzen und eine bessere Lebensqualität. Auf einige Tage mehr, die sie bewusster leben, bewusster erleben. In der sie die Zeit nutzen, um Feste zu feiern, die Angehörigen besuchen und sich mit dem baldigen Tod auseinandersetzen. «Viele Patienten schaffen das sehr gut.» Einige sagen Monika Dobler während der Chemo, dass sie spüren: «Es ist bald soweit». Oder sie gestehen, dass sie am Ende ihrer Kräfte sind. Gemeinsam beschliessen die Patienten und die Ärzte dann, dass es Zeit ist, die Therapie zu stoppen. «Wenn der Tod eine Erlösung ist, wenn wir sehen, dass die Patienten sonst nur noch länger leiden würden, dann trifft es uns weniger», sagt Dobler. Mit dem Schreiben einer Trauerkarte schliessen die Pflegefachfrauen und die Onkologinnen mit den jeweiligen Fällen ab. Es ist für sie wie ein Ritual.

Dankbarkeit ist das Schönste

Monika Dobler war schon vor ihrer Zeit auf der Onkologie zehn Jahre am Spital Wattwil tätig. Sie hat in der Onkologie eine neue Herausforderung gesucht – und gefunden. Das Schönste an ihrem Beruf ist die Dankbarkeit der Patienten und der Angehörigen. Dankbarkeit dafür, dass sie als Mensch betrachtet werden, und nicht als Nummer. Das ist im kleinen Spital Wattwil noch möglich, sagt Dobler. Die Patienten, die teilweise nur 15 Minuten da sind, aber oft auch Stunden der Therapie über sich ergehen lassen müssen, stehen immer unter Überwachung, während sie die Medikamente erhalten. Und auch was die Termine angeht, nimmt man auf die Bedürfnisse der Patienten Rücksicht. Zum Beispiel dann, wenn eine grössere Reise geplant ist.

Und es gibt durchaus auch positive Krankheitsverläufe. Bei Brustkrebs zum Beispiel sind die Heilungschancen bei früher Erkennung gross.