Wir, die Figuren einer absurden Tragödie

Wir bleiben ohnmächtig zurück. Schmerzhaft spüren wir: Sie ist angekommen, die wirtschaftliche Globalisierung. Wenn wir auch nicht im grossen Stil von ihr profitiert haben, so gehörten wir doch während der letzten zehn Jahre wenigstens nicht zu den Verlierern.

Guido Berlinger-Bolt
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Wir bleiben ohnmächtig zurück. Schmerzhaft spüren wir: Sie ist angekommen, die wirtschaftliche Globalisierung. Wenn wir auch nicht im grossen Stil von ihr profitiert haben, so gehörten wir doch während der letzten zehn Jahre wenigstens nicht zu den Verlierern. Das änderte sich in den zurückliegenden Wochen. Am Dienstag kündigte das Bühlerer Traditionsunternehmen Christian Eschler AG die Verlagerung der gesamten Produktion von funktionalen Geweben vom Appenzellerland und vom thurgauischen Münchwilen ins Ausland an. Noch in frischer Erinnerung ist die Nachricht von der Umstrukturierung der Herisauer Huber + Suhner AG vor drei Wochen. 80 Arbeitsplätze gehen hier verloren.

Gewiss: Es gibt sie noch, die guten Nachrichten. In Speicher etwa – dorthin übersiedelt die in Teufen nicht mehr glücklich gewordene Berit Klinik. Platznot sei das Hauptmotiv für den Umzug über die Gemeindegrenze, hiess es. Die Klinik bietet heute 90 Arbeitsplätze; nach dem Umzug werden es laut Klinikdirektor Peder Koch 135 sein – 45 mehr. Gleichentags sorgte Speicher für eine zweite gute Nachricht: Neben der Berit Klinik will eine zweite Privatklinik, die international tätige Salzburger Augenklinik Bellavista, auf der Vögelinsegg bauen – die Rede ist von 50 neuen Arbeitsplätzen.

Lassen Sie mich rechnen: Bühler, minus 54 Arbeitsplätze, Herisau, minus 80, Speicher, plus mindestens 95. Macht unter dem Strich: minus 39 Stellen.

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Verloren gehen Industriearbeitsplätze; Arbeitsplätze für normale Büezer. Gewonnen werden Arbeitsplätze im Dienstleistungsbereich. Wir sind hier Zeugen eines tiefgreifenden Strukturwandels. Und das verunsichert uns. Und der Wandel verunsichert noch mehr angesichts eines Bundesrats Johann Schneider-Ammann, der – ebenfalls in dieser Woche – die Wahrscheinlichkeit einer tiefen Rezession und den Abbau von weiteren 40 000 Arbeitsplätzen in der Schweiz verkündet. Der Wandel verunsichert uns angesichts der Vorkommnisse im Euro-Raum und eines EU-Währungskommissars Olli Rehn, der – vorgestern – von «düsteren» Wirtschaftsprognosen sprach und vom Ende des notorisch kleinen Wachstums der Europäischen Wirtschaft.

Fast schlagartig wird uns bewusst: Wir gehören zur Welt und hängen von ihr ab. Und jetzt, da es abwärts geht mit der Konjunktur, jetzt wird uns bang.

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Wo sind wir da hineingeraten?

Wir sind zu Figuren geworden, Figuren in einer absurden Tragödie. Wenn es eines letzten Beweises dazu bedurft hätte, dann haben wir ihn in der vergangenen Woche erhalten: Griechenland und Italien sind nicht länger autonome Staatswesen, sie stehen unter der Kontrolle der EU und des Internationalen Währungsfonds. Über den starken Franken sind wir im Appenzellerland mit dieser Entwicklung direkt verbunden. Eine Stunde Arbeit hatte in der Schweiz, im Appenzellerland schon immer einen höheren Preis als in Vorarlberg, Bayern, Baden-Württemberg. Mittlerweile ist die Stunde Arbeit im Vergleich mit Polen (wohin Huber + Suhner seine 80 Arbeitsplätze verlagert) elfmal teurer. Oder anders gesagt: unbezahlbar. Tja: schlechte Nachricht für die Chrampfer dieses Landes.

Aber, aber! Warum nur so pessimistisch? Ausserrhoden verliert zwar unter dem Strich Arbeitsplätze; Ausserrhoden gewinnt dafür gut qualifiziertes Personal im Dienstleistungssektor und kann seinen Ruf als Gesundheitskanton stärken. Stimmt schon. Tatsache aber bleibt: Wir hätten lieber den Fünfer und das Weggli, wir wünschten uns eine breit diversifizierte Wirtschaft, gerade weil eine solche auch für eine vielfältige Bevölkerung steht, für eine gesunde Mischung.

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Wo sind wir da hineingeraten?

Wir sind Gläubige geworden, Anhänger der Sekte des Kapitalismus. Das war für den deutschen Philosophen Walter Benjamin schon 1921 klar: «… der Kapitalismus dient essentiell der Befriedigung derselben Sorgen, Qualen, Unruhen, auf die ehemals die sogenannten Religionen Antwort gaben.» Roger De Weck nahm diesen Gedanken in seinem jüngsten Buch «Nach der Krise» auf; er fordert darin, «das Heft selbst in die Hand zu nehmen, Marktwirtschaft zu gestalten, statt zu erdulden». Allein, dazu scheinen wir gar nicht in der Lage: Wie die Maus stehen wir vor der Schlange. Unser visionärer Haushalt beschränkt sich auf die Bewahrung dessen, was wir haben. Gepredigt wird die Steigerung der Wohlfahrt – unsere praktische Erfahrung sieht ganz anders aus. Wir ahnen: Die Produktion von Gütern ist nicht mehr der Zweck unseres Arbeitens, sondern blosses Mittel für die Geldverwertung.

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Wo sind wir da hineingeraten?

Wir sind Abhängige geworden, Abhängige von Expertenmeinungen. Warum sonst reden alle Experten und Politikerinnen ständig vom Zwang, dem sie, dem wir alle unterliegen? Die anonyme, internationale Konkurrenz hat uns zu zwanghaften Wesen gemacht.

Eine absurde Tragödie. Denn es hilft nichts, sich zu empören und dabei die Faust im Sack zu machen.