«Wir arbeiten alle am Limit»

Heinrich van der Wingen und Sarah Barrionuevo sind in ihrer täglichen Arbeit mit einem Thema konfrontiert, das das Jahr 2015 besonders geprägt hat. Der Leiter der Beratungsstelle für Flüchtlinge und seine Mitarbeiterin über erfolgreiche Integration und vorhandene Hürden.

Chris Gilb
Drucken
Teilen
Sarah Barrionuevo und Heinrich van der Wingen: Beide arbeiten zu 100 Prozent im Haus Wiesental in Herisau, wo gerade mehrere Schulräume in Büros umgebaut werden. (Bild: cg)

Sarah Barrionuevo und Heinrich van der Wingen: Beide arbeiten zu 100 Prozent im Haus Wiesental in Herisau, wo gerade mehrere Schulräume in Büros umgebaut werden. (Bild: cg)

Der Bund stellt Ihnen im Rahmen des kantonalen Integrationsprogramms (KIP) 6000 Franken pro anerkanntem Flüchtling zur Verfügung. Damit müssen sie die Integration ihrer Klienten sicherstellen. Genügt dieser Betrag ?

Heinrich van der Wingen: Nein. Die 6000 Franken des Bundes reichen für unseren Integrationsauftrag, der die sprachliche, soziale und wirtschaftliche Integration der anerkannten Flüchtlinge umfasst, nicht. Theoretisch wäre es gerade genug, um den Deutschunterricht für eine Person bis zum Niveau A2 zu finanzieren. Um sich aber etwa für eine Lehrstelle oder für einen Ausbildungsplatz bewerben zu können, wird das höhere Niveau B2 verlangt. Deshalb haben wir aus Kostengründen umgestellt. Anstatt jedem Flüchtling einen Intensivsprachkurs zu finanzieren, finanzieren wir ganze Kurse, die dann eine gewisse Teilnehmerzahl aufnehmen können. Dadurch geht es für den Einzelnen zwar länger, da wir nur zwei Doppellektionen pro Woche anbieten können, dafür können wir das Geld breiter einsetzen.

Sarah Barrionuevo: Ein auf längere Zeit aufgeteilter Unterricht hat auch gute Seiten. Nach ihrer Anerkennung kommen viele organisatorische Herausforderungen auf die Flüchtlinge zu. Sie müssen von Amt zu Amt rennen und plötzlich wieder selbständig wohnen. Bis sie zu uns kommen, wissen sie in den Heimen und Erstaufnahmezentren nicht, ob sie zurückgeschickt werden. So können sie sich dort noch nicht richtig auf die Schweiz einlassen. Mit einem Intensivunterricht fehlt also oft die Zeit für andere Verpflichtungen.

Welche Rolle spielt der Familiennachzug für das Lernen?

Barrionuevo: Erst nach der Anerkennung ist auch der Familiennachzug möglich. Die meisten Flüchtlinge kommen alleine und wissen, dass ihre Kinder oder Frauen gleichzeitig noch immer in grosser Lebensgefahr sind, dies mindert die Konzentration. Ausserdem können sie nebst den unterrichteten Lektionen pro Woche noch zwei betreute Lernstudio-Stunden zum selbständigen Lernen besuchen.

Werden diese Lernstudio-Stunden in Anspruch genommen?

Barrionuevo: Zum Teil, viele beklagen sich zwar über zu wenig Unterricht, beanspruchen das Lernstudio aber trotzdem nicht. Das hat aber auch mit dem jeweiligen Bildungshintergrund zu tun. Für Flüchtlinge, die aus Ländern mit einer völlig anderen Schrift kommen, ist selbständiges Lernen schwierig. Flüchtlinge leiden unter gleichen Problemen wie Langzeitarbeitslose. Viele Flüchtlinge waren bedingt durch die langwierige Flucht lange nicht mehr berufstätig und sind keine klaren Strukturen mehr gewöhnt.

Wie verläuft der erste Kontakt zwischen Ihnen und den anerkannten Flüchtlingen?

Barrionuevo: Ein anerkannter Flüchtling ist bezüglich seines Leistungsanspruchs einem Schweizer Sozialhilfeempfänger gleichgestellt. Wir müssen dafür sorgen, dass er diese Leistungen erhält und das KIP umgesetzt wird. Wir erklären den Flüchtlingen das System des KIP und besprechen, wie wir es erarbeiten möchten.

Verstehen die Flüchtlinge, was auf sie zukommt?

Van der Wingen: In der Regel beim ersten Treffen noch nicht gross, dann überwiegt eindeutig die Freude, definitiv in Sicherheit zu sein. Das auch noch irgendwelche Integrationsmassnahmen mit ihnen geplant sind, übersteigt in diesem Stadium oft das Vorstellungsvermögen.

Durch die gestiegene Zahl der Flüchtlinge mussten Sie neue Stellenprozente schaffen und zusätzliche Räumlichkeiten anmieten. Sind Sie am Limit?

Van der Wingen: In der Beratungsstelle für Flüchtlinge arbeiten wir alle am Limit.

Barrionuevo: Seit Juli 2015 obliegt mir die Projektleitung des KIP. Die Anzahl der Dossiers, die ich bearbeiten musste, wurde immer grösser. Zuletzt waren es 220. Deshalb wurden über eine Leistungsvereinbarung weitere Mitarbeiter zu meiner Unterstützung eingestellt, die ab März 2016 anfangen. Deswegen müssen wir auch einen Kursraum in zwei Büroräume umbauen. Als Ersatz konnten wir das ganze Erdgeschoss der SBW in Herisau mieten, das unser Sprachkursanbieter gerade in zusätzliche Schulräume umbaut.

Jeder anerkannte Flüchtling hat das Recht auf Wohnraum, wie gewährleisten Sie dieses?

Van der Wingen: Nachdem der Flüchtling anerkannt wurde, verlangen die Asylunterkünfte der Gemeinde, dass wir ihn schnell dort abholen und in eine eigene Wohnstruktur bringen. Aber der Wohnraum in Appenzell Ausserrhoden ist beschränkt, vor allem ausserhalb von Herisau. Obwohl nur 28 Prozent der Kantonsbevölkerung in Herisau lebt, sind 54 Prozent unserer Klienten hier untergebracht. Es kommt den Flüchtlingen aber auch entgegen, wenn sie in einem grösseren Dorf wohnen, wo die Aktivitätsmöglichkeiten grösser sind, was auch zur Integration beiträgt.

Wie wollen Sie das Wohnungsproblem beheben?

Van der Wingen: Momentan haben wir als Zwischenlösung sogenannte Durchgangswohnungen geschaffen, um mehr Suchzeit zu gewinnen, aber auch diese haben Kapazitätsgrenzen, und es gibt schon eine kleine Warteliste. Zudem ist der Erfolg der Wohnungssuche auch davon abhängig, was die Sozialhilfekommission der einzelnen Gemeinden für eine Mietkosten-Grenze für Wohnungen für Sozialhilfeempfänger festgelegt hat. Nur so viel Geld dürfen auch wir einsetzen. Der Schnitt im Kanton liegt bei etwa 700 Franken für eine Einzelperson, einige Gemeinden liegen darüber, andere darunter.

Die berufliche Integration ist einer der Standpfeiler des KIP. Engagieren sich Flüchtlinge aus allen Ländern dafür gleich?

Van der Wingen: Nicht unbedingt, Menschen aus Sri Lanka oder Tibet, die schon im Gastrobereich gearbeitet haben, finden oft auch durch familiäre Netzwerke schneller eine Stelle. Menschen aus Eritrea, die als junge Leute alle zu Militärdienst auf unbestimmte Zeit verpflichtet wurden, haben grössere Schwierigkeiten. Längst bevor sie sich über ihre berufliche Zukunft Gedanken machen konnten, wurden sie in die Militärstruktur integriert und wissen deshalb oft nicht, welche Kompetenzen im Berufsleben verlangt werden.

Bei wie vielen anerkannten Flüchtlingen ist ihnen diese Integration schon gelungen?

Barrionuevo: Diesbezüglich können wir einige Erfolgserlebnisse vermelden. Im letzten halben Jahr haben 27 unserer Klienten eine Anstellung gefunden.

Was sind die Hindernisse bei der Arbeitsintegration?

Van der Wingen: Im Kanton Appenzell Ausserrhoden fehlen Arbeitstrainingsplätze, wie es sie beispielsweise im Kanton St. Gallen gibt. Deshalb müssen wir jetzt mit unseren bestehenden Ressourcen neue Strukturen aufbauen. Mit einem neuen Konzept sollen deshalb Firmen in unserem Kanton angesprochen werden, Trainingsplätze zu schaffen. Wir befinden uns momentan im Aufbau dieser Struktur und sind auf die gute Zusammenarbeit mit allen Ämtern sowie der Wirtschaft angewiesen.

Barrionuevo: Auch die Bundesgelder für das KIP, die für die Arbeitsintegration bestimmt sind, sind aufgrund der zurzeit fehlenden Strukturen nur bedingt einsetzbar.

Die UMA, unbegleitete jugendliche Flüchtlinge, sind ein neues Phänomen, das nach aktuellen Erhebungen grösser wird. Wie gehen Sie mit dieser Herausforderung um?

Barrionuevo: Wir betreuen im Moment fünf unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und zehn Flüchtlinge, die gerade 18 oder 19 Jahre alt sind. Diese jungen Erwachsenen haben trotz ihres Alters noch Unterstützung nötig und benötigen deshalb entsprechende Förderung. Ausserrhoden bietet zurzeit nur eine Integrationsklasse. Weitere Klassen werden nun unbedingt benötigt. Zwischenzeitlich mussten wir etwa zehn Jugendliche und junge Erwachsene in den Integrationsklassen der GBS St. Gallen unterbringen. Diese ist jetzt aber voll. Appenzell Ausserrhoden steht deshalb in der Pflicht, zusätzliche Strukturen zu schaffen.

Und wie wohnen die UMA, schliesslich haben sie oftmals keine Familie mehr?

Van der Wingen: Momentan wohnen sie zu dritt in einer Art WG. Wir planen aber unter der Federführung des Kantons, eine spezielle Struktur für UMA aufzubauen. Es geht in Richtung betreute Wohngruppen.

Aktuelle Nachrichten