«Wir Appenzeller sind nicht engstirnig»

APPENZELLERLAND. Zum Jahreswechsel ein Gespräch mit Hubert Gmünder, Verwaltungsratspräsident der Luftseilbahn Wasserauen-Ebenalp, der es finanziell sehr gut geht. Er äusserst sich auch zum revidierten Baugesetz, zum Appenzeller Baustil und zum Bonus, den Appenzeller geniessen.

Monika Egli
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Hubert Gmünder: «Ab und zu bezeichnet man uns als etwas <brötig>, weil wir keine Spektakel veranstalten.» (Bild: Jesko Calderara)

Hubert Gmünder: «Ab und zu bezeichnet man uns als etwas <brötig>, weil wir keine Spektakel veranstalten.» (Bild: Jesko Calderara)

Von den vier Alpsteinbahnen bietet nur noch die Ebenalp ein voll erschlossenes Skigebiet an, dabei auch den künstlich beschneiten Skilift Horn. Lohnt sich das finanziell?

Hubert Gmünder: Die Ebenalpbahn ist ein sehr gesundes Unternehmen. Sie besteht seit 1955 und konnte seit dem ersten vollen Geschäftsjahr 1956 ununterbrochen Dividenden ausschütten. Aber was sie verdient, das verdient sie im Sommer und Herbst. Der Winterbetrieb war jahrelang tiefrot. Im Sinne eines Service public haben wir ihn quersubventioniert. Das kostet uns Jahr für Jahr rund 200 000 Franken.

Sie sprechen in der Vergangenheit. Ist eine Änderung in Sicht?

Gmünder: Ich glaube ja. Wir von der Ebenalp haben dem Skibetrieb in der jüngeren Vergangenheit weniger Aufmerksamkeit geschenkt und uns mehr dem Sommer- und Herbstbetrieb zugewandt, wo wir gutes Geld verdienen konnten. In den Wintern hatten wir beobachten müssen, dass die Kundschaft immer spärlicher und das Einzugsgebiet kleiner wurden. Idealisten aus unserem Kundenkreis taten sich zu einer IG Schnee Horn zusammen und brachten über 1,5 Millionen Franken zusammen, um eine Beschneiung am Hornhang zu realisieren. Diese Leute haben einen unglaublichen Effort geleistet und nach zwei Wintern kann festgestellt werden: Das Interesse ist da, die Nachfrage ist da, die Skifahrer kommen. Gut möglich, dass eine Wende gelingt.

Und davon profitieren dann auch die Ebenalp-Skilifte, oder?

Gmünder: Ja, wir haben den Horn-Skilift der Genossenschaft überlassen, betreiben aber weiterhin die Skilifte auf der Ebenalp und kooperieren mit der Genossenschaft unter einheitlicher Leitung des Skibetriebs. Der Kunde löst seine Karte und kann damit im ganzen Gebiet fahren.

Woran liegt es, dass der Skibetrieb Ebenalp einbrach?

Gmünder: Zum einen sind kleine Skigebiete am Rand der Alpen nicht mehr besonders gefragt, seit Schnellstrassen ins Bündnerland und ins Montafon führen. In meiner Jugendzeit hatte es auf dem Parkplatz Wasserauen auch im Winter viele Autokennzeichen aus dem süddeutschen Raum, aus St. Gallen und dem Thurgau sowieso. Heute haben wir noch ein Einzugsgebiet von rund 30 km. Zum andern hat sich auch das Konsumverhalten verändert. Als ich noch ein Kind war – ich habe ja den gleichen Jahrgang wie die Ebenalpbahn – ging man am Wochenende bei jedem Wetter Ski fahren. Heute gehen viele nur noch ein- oder zweimal pro Saison, dafür dann aber in ein grosses Skigebiet.

Wenn es sich die Ebenalpbahn leisten konnte, einen defizitären Winterbetrieb aufrecht zu erhalten, haben Sie es komfortabler als Ihre Mitbewerber. Kronberg- und Hoher-Kasten-Bahn ging es ja längere Zeit finanziell schlecht.

Gmünder: Stimmt, sie mussten sich etwas einfallen lassen. Das ist bei uns anders, aber nicht etwa, weil wir besser wären! Uns geht es gut, weil wir das Wildkirchli, diese einmalige Kulturstätte, haben. Landammann und Historiker Roland Inauen behauptet, das Wildkirchli sei eine der weltweit ersten Tourismusdestinationen gewesen. Demnach pilgerten die Leute schon im 18. Jahrhundert zu den Eremiten. Das Wildkirchli übt auf die Besucher eine Faszination aus. Unterdessen sind wir in jedem amerikanischen Reiseführer als «Must of Europe» («Muss man in Europa besucht haben») aufgeführt und es kommen auch je länger je mehr Amerikaner. Der Aescher wurde in einem deutschen Magazin als «das spannendste Restaurant der ganzen Welt» bezeichnet. Solche Bewertungen sind für uns Gold wert.

Weil dann bei schönem Wetter noch mehr Gäste den Alpstein besuchen?

Gmünder: Nicht nur; es gibt je länger je mehr Gäste, die auch bei schlechtem Wetter kommen, da es zum Berggasthaus Ebenalp, zur Höhle und zum Aescher nur wenige Minuten Fussmarsch sind. Unser Ziel ist es, die Gäste bei jedem Wetter auf den Berg zu locken. Wir sind ja daran, ein grosses Projekt zur Aufwertung der Höhle umzusetzen; dies in Zusammenarbeit mit Kultur und Denkmalschutz, weil wir mit unserem Erbe, das wir auf der Ebenalp verwalten, sehr sorgfältig umgehen wollen. Wir sehen das als unsere Verantwortung. Deshalb wird es bei uns nie «Rambazamba» geben. Damit kritisiere ich niemanden, aber zu uns passt es einfach nicht. Es ist unser Credo, keine spektakulären Aktionen durchzuführen, selbst wenn man uns deshalb ab und zu als etwas «brötig» bezeichnet.

Dann bilden die Kultur- und Geschichtsinteressierten Ihr Segment?

Gmünder: Zum Teil, aber man darf das auch nicht überschätzen. Kaum einer wird stundenlang das Wildkirchli und die Informationen dazu studieren. Es ist deshalb eine spezielle Herausforderung, den Besuchern die vielen interessanten Details richtig dosiert zu vermitteln. Viele meinen, dass hier «nur» Bärenknochen gefunden wurden. Dabei hat man 1903 behauenes Werkzeug gefunden und festgestellt, dass dieses vor 30 000 bis 40 000 Jahren in Gebrauch war. In erster Linie bleiben wir aber ein Wander- und damit auch Familienberg. Unser Trumpf ist: Bei Nebel kann ab der Ebenalp aufwärts, der Sonne entgegen zum Schäfler oder Mesmer gewandert werden. Andernorts fährt man auf den Gipfel und steigt dann hinunter in den Nebel.

2011 haben Sie bei den Beförderungen erstmals die 200 000er-Marke geknackt. Ist das seither wieder gelungen?

Gmünder: Ja, dieses Jahr. Auch das Ergebnis wird sehr erfreulich sein. Ich glaube, heuer knacken wir zum ersten Mal die Zwei-Millionen-Umsatzgrenze – nur mit der Luftseilbahn. Die Gastronomie gehört ja nicht zu uns.

Wetterabhängig und trotzdem so gute Resultate; das ist erstaunlich.

Gmünder: Ja, das hängt auch mit den drei Berggasthäusern Ebenalp, Aescher und Schäfler zusammen, die kulinarisch einen ausgezeichneten Ruf geniessen.

Sie sind in Appenzell aufgewachsen. Was hat sich seit Ihrer Jugend am meisten verändert?

Gmünder: Das starke Wachstum. Wenn ich das Dorf damals mit dem Dorf heute vergleiche, sind das zwei Welten. Zwischen 1850 und 1960 hat sich weniger verändert als zwischen 1960 und 2000. Was die Welt aber am meisten veränderte, das waren die 68er.

Die schwappten bis nach Appenzell?

Gmünder: Aber ja. Seither sind die Autoritäten nicht mehr, was sie waren, und der Umgang untereinander ist ein anderer, ein besserer geworden. Das Wachstum wird zum Teil kritisiert bezüglich Überfremdung und Baukultur. Ich sehe das aber positiv. Die heutigen Überbauungen sind doch viel besser als die 60er-Jahre-Blöcke.

Aber der ursprüngliche Baustil ist am Verschwinden.

Gmünder: Der Baustil betrifft meiner Meinung nach das Appenzeller Bauernhaus mit seinem Giebeldach und angebauten Gaden. Es gibt Architekten, die bei Wohnhäusern und Überbauungen versuchen, das Appenzeller Haus zu interpretieren und dessen Charakter zu transportieren; so hat man auch gewisse Anlehnungen gefunden. Aber ich bin natürlich ein Laie und keineswegs ein Fachmann.

Dann würden Sie diesen Satz nicht unterschreiben: Seit Architekten am Reissbrett Häuser entwerfen, sind die Häuser hässlich.

Gmünder: Gewiss nicht. Man schaue sich nur die vielen vierschrötigen Häuser an, die früher gebaut wurden.

Man sagt, dass Junge in Appenzell wegen der Preise weder Boden noch Immobilien kaufen können. Ist das auch Ihre Erfahrung als Präsident des Hauseigentümerverbands AI?

Gmünder: Es stimmt, was heute in Appenzell als Bauland noch angeboten wird, ist nur noch für die oberen Zehntausend erschwinglich. Es gibt Quadratmeterpreise von bis zu 1000 Franken. Wir haben in Appenzell aber öffentlich-rechtliche Körperschaften wie Forren, Ried und Mendle. Das sind gemeinnützige, alte Stiftungen oder Korporationen, die noch gewisse Landreserven haben. Wenn weiterer Boden zu erschwinglichen Preisen für Einfamilienhäuser zur Verfügung gestellt werden soll und es in die raumplanerischen Absichten passt, kommen dafür wohl nur noch diese Körperschaften in Frage. In den Landbezirken allerdings gibt es schon noch bezahlbares Land.

Das revidierte Baugesetz wechselte «vom Verunstaltungsverbot zum Gestaltungsgebot». Können Sie als Präsident des HEV AI beurteilen, ob dies bereits Wirkung zeigt?

Gmünder: Die Aufgaben des HEV-Präsidenten darf man nicht überschätzen! Die Sektion AI ist ja nur ein Winzling im Grossverband, obwohl wir rund 700 Mitglieder haben. In dieser Funktion habe ich mit solchen Fragestellungen nicht spezifisch zu tun, als Anwalt jedoch durchaus, ich befasse mich beruflich oft mit Baurecht. Das Gestaltungsgebot erhöht die Eingriffsmöglichkeiten der Baubehörden in ein Vorhaben, bleibt in der Praxis aber schwammig, nicht greifbar.

Ist es greifbar für den Fachmann?

Gmünder: Ich habe Zweifel. Einer sagt, das ist schön, der andere, das ist hässlich. Ich finde es wichtig, dass sich die Behörden in diesem Punkt etwas zurückhalten. Gewiss habe ich mehr Respekt vor der Meinung einer Fachperson mit Leistungsausweis und spezifischer Ausbildung als vor selbsternannten Propheten des guten Geschmacks.

Kann man sagen, dass das Gestaltungsgebot letztlich zu mehr Anwaltsfutter geführt hat?

Gmünder: Der Unterschied zu früher ist nicht gewaltig. Baubewilligungsbehörden haben schon immer in Bewilligungsverfahren interveniert, wenn sie etwas unpassend fanden, schon seit langem unter Einbezug der Fachkommission Heimatschutz. Es kommt aber immer wieder vor, dass beim Bürger auf der Strasse auf Ablehnung stösst, was die Fachleute als gut empfinden, und umgekehrt dem Bürger gefällt, was der Fachmann ablehnt.

Und die zentralisierte Baukommission?

Gmünder: Aus meiner Sicht ist die Konzentration auf eine einzige Baubewilligungsbehörde (ausser Oberegg) richtig. Sie verspricht mehr Kompetenz. Ich bin auch ein Befürworter der Aufhebung der Bezirke, die bei der kleinen Zahl noch aktiv mitwirkender Stimmberechtigter ihre Legitimation eingebüsst haben.

Wenn Sie für die Zusammenlegung der Bezirke sind, wären Sie dann auch für ein vereinigtes Ausser- und Innerrhoden?

Gmünder: Das ist zurzeit kein Thema. Vielleicht wird es einmal eines, wenn die Kantonsverwaltungen noch mehr rationalisiert werden sollen. Immerhin haben wir es vor einigen Jahren geschafft, das Bezirksgericht Oberegg abzuschaffen. Das absurdeste Gericht, das es in der ganzen Schweiz gab: Für 1500 Einwohner ein 7köpfiges Gericht! Natürlich könnte man auch Innerrhoden mit seinen 15 000 Einwohnern als Kanton in Frage stellen. Aber das ist entschieden nicht meine Meinung. Nur muss man akzeptieren können, dass ein solcher Kleinkanton nicht in jeder Hinsicht einen perfekten Verwaltungsapparat zur Verfügung stellen kann.

Immer wieder ein Thema sind auch die vielen Zuzüger…

Gmünder: Ich habe überhaupt keine Mühe mit Zuzügern. Seien wir doch froh, dass Leute zu uns kommen. Ich kenne einige Zuzüger, sie fühlen sich alle bestens integriert. Wir Appenzeller sind nicht so engstirnig und stur, wie manche glauben. Immerhin hatten wir mit Rolf Engler als einzigem Nationalrat einen reformierten Ausserrhoder und dann mit Arthur Loepfe einen von St. Gallen zugezogenen Landammann und Nationalrat, der noch nicht einmal unseren Dialekt spricht! Das beweist Offenheit.

Von der Marke Appenzell profitieren auch die Einwohner. Die Innerrhoder sind überall beliebt.

Gmünder: In der Rolle als «Kleiner» haben wir sehr viel Goodwill. Allein schon unser Dialekt bringt uns viel Sympathie und einen gewissen Bonus. Das kann aber auch gefährlich sein und wir müssen aufpassen, dass wir nicht selbstgefällig werden. Dafür haben wir keinen Grund, wir sind nicht besser als die andern.