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Wintersonnenwende

Toggenburger Adventskalender – Folge 18
Monika Rösinger
Heute, am 21. Dezember, ist Wintersonnenwende. (Bild: PD)

Heute, am 21. Dezember, ist Wintersonnenwende. (Bild: PD)

Wie jeden Tag sass Enrico in seinem Lieblingssessel am Fenster. Die Vorhänge hatte er zurückgeschoben, trübes Dezemberlicht fiel in den Raum. Auf dem Balkon zirpten und zwitscherten die Vögel um das Futterhäuschen. Sie stritten und duldeten sich. Gemeinsam verjagten sie eine freche Elster, die ihnen das Futter streitig machen wollte. Auch einen Raben liessen sie nicht herankommen, es war ihr Revier. Es waren hauptsächlich Amseln, Meisen und Spatzen, die Ernesto beobachten konnte. Auf dem nahen, morschen Baum liess sich hin und wieder ein Buntspecht nieder und ganz, ganz selten näherte sich ein Eichelhäher dem Häuschen. Früher war Enrico ein begabter Ornithologe gewesen, jetzt freute er sich einfach an den kleinen Besuchern. Im Alter hatte er manche Gewohnheiten in seinem Leben aufgegeben.

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Seit dem Tod seiner Frau schien ihm das Leben noch schwerer als früher. Die dunkle Jahreszeit machte ihn trübsinnig; an manchen Tagen konnte er sich kaum aus dem Bett quälen. Am liebsten hätte er sich wie ein Murmeltier oder ein Bär in einer Höhle verkrochen und geschlafen bis weit in den Frühling hinein. Der weihnächtliche Glanz der Kindertage war für ihn schon längst verblasst. Die Wohnung weihnächtlich zu schmücken konnte er sich jedes Jahr weniger aufraffen. Das hatte immer seine Frau gemacht.

Ein anderer Tag im Dezember war ihm wichtiger geworden, er schenkte ihm Hoffnung und Zuversicht. Es war der Tag der Wintersonnenwende. Dabei dachte er nicht an die germanischen Bräuche und die vorchristlichen Mythen um diesen Tag. Nein, ihm ging es darum, dass mit dem Thomastag endlich die langen Nächte überwunden waren und jeder Tag wieder etwas länger wurde. Das feierte er jedes Jahr still für sich. Gegen Abend hatte er ein weisses Tischtuch mit goldenem Rand aufgelegt und einen Leuchter mit vielen brennenden Kerzen darauf gestellt. Auf einer Platte lagen feine Häppchen mit Lachs, Kaviar und Ei. Eine Flasche Sekt krönte den Apéro; so liebte es Enrico. Als Dessert würde er sich ein Schälchen russische Creme gönnen. Langsam genoss er Häppchen um Häppchen und trank den Sekt dazu. Ein volles Glas hatte er vorher zum Foto seiner Frau gestellt.

Der Sekt perlte. Die zerplatzten Bläschen schienen als goldener Staub durch die Stube zu schweben; er verteilte sich überall, auch auf dem Balkon. Mit der Dämmerung verschwanden die Vögel. Goldbestäubt trugen sie den Glanz aus Enricos Stube zu einem abgelegenen Hof auf der Sonnenseite des Tales.

Monika Rösinger

redaktion@toggenburgmedien.ch

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