Haufenweise Arbeit
«Wir waren nur noch am Schaufeln, am Räumen und am Salzen»: Wie die Winterdienste im Appenzellerland mit den Schneemassen umgehen

Die Schneefälle der vergangenen Tage stellen nicht nur Private vor Herausforderungen. Auch die offiziellen Schneeräumequipen in Ausserrhoden sind gefordert. Die Pfadschlitten sind im Dauereinsatz.

Alessia Pagani
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Die Schneeräumequipen haben diesen Winter alle Hände voll zu tun.

Die Schneeräumequipen haben diesen Winter alle Hände voll zu tun.

Alessia Pagani

Seit mehr als zwei Wochen schneit es fast ununterbrochen im Appenzellerland. Kaum hat sich das Wetter für einen Augenblick beruhigt, fegt wieder ein Schneesturm über die Hügellandschaft. Von Rekordmengen ist die Rede. Was Skilift-Betreiber und Kinder erfreut, sorgt bei manch einem Erwachsenen für rote Köpfe. Denn Einfahrten, Eingänge und Wege müssen freigehalten werden.

Gefordert sind derzeit vor allem die offiziellen Schneeräumequipen. Die Tage sind lang und beginnen in aller Herrgottsfrühe. Bruno Fronebner, Abteilungsleiter Strassenunterhalt beim kantonalen Tiefbauamt, sagt:

Bruno Fronebner, Leiter Strassenunterhalt beim kantonalen Tiefbauamt

Bruno Fronebner, Leiter Strassenunterhalt beim kantonalen Tiefbauamt

PD
«Mit dem starken Schneefall der letzten Woche waren die Schneeräumungsfahrzeuge praktisch ununterbrochen im Einsatz.»

Das kantonale Tiefbauamt betreibt den Winterdienst auf dem 216 Kilometer langen Kantonsstrassennetz und auf der 11 Kilometer langen Nationalstrasse N25 von Herisau Richtung Appenzell. An normalen Wintertagen ohne Schneefall sind auf dem ganzen Kantonsgebiet für das kantonale Tiefbauamt 15 Fahrzeuge im Einsatz. An schneereichen Tagen wird für die Schneeabfuhr auf die Mithilfe von Privatfirmen zurückgegriffen. Vergangene Woche etwa standen inklusive der gesamten Belegschaft über 50 Mann im Einsatz und räumten den Schnee auf den Kantonsstrassen. Die Arbeit ist eine Herausforderung, die Zeit drängt. «Der seitlich der Strassen gelagerte Schnee engt die Fahrbahn ein und das Kreuzen mit grossen Fahrzeugen wird eingeschränkt. Das Tiefbauamt war deshalb das gesamte vorletzte Wochenende im Einsatz, einen Teil der Schneemassen an kritischen Stellen abzuführen», sagt Fronebner.

Nach dem Aufgebot geht es schnell

Thomas Schmid spricht von 12- bis 14-Stunden-Tagen während der vergangenen Wochen. Er ist Leiter des Werkhofs Herisau, der für die Schneeräumung auf den Gemeindestrassen, den Trottoirs, Fussgängerübergängen und den Bushaltestellen in Herisau zuständig ist. Ein riesiges Spektrum, wie er sagt. Bei grossen Schneemengen dauert die Arbeitswoche oft sieben Tage. Schmid, der auch einer von vier Pikettverantwortlichen ist, sagt:

Thomas Schmid, Leiter Werkhof Herisau und Pikettverantwortlicher beim Winterdienst

Thomas Schmid, Leiter Werkhof Herisau und Pikettverantwortlicher beim Winterdienst

PAG
«Das ist unser Job und wir machen es gerne.»

Für die Pikettverantwortlichen beginnt der Tag um 3 Uhr mit einem Kontrollgang. «Hat es Schnee, ist es am einfachsten, dann sieht man sofort, was zu organisieren ist», sagt Schmid. Die Mitarbeiter werden um 3.30 Uhr informiert und müssen innert einer halben Stunde im Werkhof sein und diesen mit den Fahrzeugen wieder verlassen haben. Bei durchgehender Glätte startet die Equipe eine halbe Stunde später. Gibt’s weder Schnee noch Glätte, heisst es für den Pikettverantwortlichen, einige neuralgische Punkte abzufahren und die dortigen Verhältnisse einzuschätzen. «Vieles, wie etwa die benötigte Anzahl Mitarbeiter oder die Einschätzung der Witterungsverhältnisse, läuft bei uns über den Ehrfahrungswert», so Schmid.

«Die Herausforderung für die Pikettverantwortlichen ist aber immer: Das Richtige zum richtigen Zeitpunkt zu entscheiden.»

Als Hilfe für die Organisation der Einsätze dienen Wetterberichte. «Jeder von uns hat drei oder vier spezielle Wetter-Apps auf dem Handy installiert.» Dann und wann müssen Schmid und die übrigen Pikettverantwortlichen Prioritäten setzen. An schneereichen Tagen sind dies vor allem Hauptverkehrsachsen und die Strassen mit Busverbindungen. «Die Velowege haben für uns keine Priorität. Bei viel Schnee müssen wir sie sogar als Depot nutzen, bis wir den Schnee abtransportieren können.»

Reklamationen sind «normal»

Dass die Arbeit für die Werkhofmitarbeiter nicht immer eine Freude ist, zeigen die negativen Rückmeldungen. «Wir bekommen regelmässig Reklamationen. Das ist normal», sagt Schmid. Vergangene Woche hätten ihn rund 40 Telefonate erboster Bürger erreicht. Das Lob überwog aber.

«Diesmal haben wir sehr viel mehr positive Rückmeldungen erhalten. Das tut gut.»

Schmid nimmt alle Rückmeldungen persönlich entgegen. Die Wertschätzung für sein Team sei ihm wichtig. Seine Gruppe nennt er die «Bienen von Herisau». «Es ist eine strenge und herausfordernde Arbeit, aber das Team funktioniert super.»

17 Mitarbeiter zählt der Werkhof. Hilfe erhalten sie von zwölf Externen. Der Fahrzeugpark ist beträchtlich. Der Werkhof kann zurückgreifen auf vier eigene und neun externe Grossfahrzeuge – unter anderem Transporter, Lastwagen, Traktoren, und Unimogs. Dazu kommen noch fünf Kommunalfahrzeuge für Trottoirs. 6 der 17 Mitarbeiter sind als «Handleute» eingeteilt, hinzu kommen 3 Externe. Sie gehen mit Eimern voller Salz und Schaufeln durch die Strassen und sind für die Schneeräumung beispielsweise auf Treppen und Fusswegen zuständig. Seit 2018 wird der Werkhof zudem von der Gartengruppe Tosam unterstützt. Diese soll sicherstellen, dass die Zugänge zu den Fussgängerstreifen frei sind. Vergangene Woche standen alle verfügbaren Kräfte im Einsatz. Trotzdem sagt Schmid:

«Bei einer Schneemenge von 85 Zentimeter müssen wir spezielle Prioritäten setzen, um die Sicherheit zu gewährleisten. Das hat fast immer geklappt. Angesichts der Schneemengen ist es fast perfekt gelaufen.»

Schmid rekapituliert: Am Donnerstagmorgen vor eineinhalb Wochen um 4 Uhr hatte es noch stark geregnet. Um 4.30 Uhr war es bereits so glatt, dass man kaum mehr laufen konnte. «So etwas habe ich in meinen 17 Jahren beim Werkhof erst einmal erlebt und zwar 2006.» Damit war das Ende allerdings noch nicht absehbar: Zwischen 6 und 7 Uhr wurden am Donnerstagmorgen in Herisau innert einer Stunde 5 Zentimeter Neuschnee verzeichnet und in den folgenden 13 Stunden nochmals 60 Zentimeter. «Wir waren nur noch am Räumen, am Pfaden, am Salzen, wieder am Räumen, am Pfaden und am Salzen.» Am Freitag kamen wiederum 20 Zentimeter zusammen.

«Ab Freitagnachmittag bis Sonntagabend der kommenden Woche konnten wir die Schneeberge dann abführen.»

Mittels zwei Fräsen wurde der Schnee auf Lastwagen geschleudert und abtransportiert zur Schneedeponie bei der Walke. Doch diese reicht nicht mehr aus. Wie im Jahr 2006 dient nun auch das Ebnet als Schneedepot.

Für Donnerstag verheisst der Wetterbericht wieder wärmere Temperaturen. Aufatmen können die «fleissigen Bienen» allerdings nicht. Es müssen alle Schächte freigelegt werden und weil die Bodentemperaturen tief sind, droht die Gefahr von Glätte. «Diese wird uns wahrscheinlich noch bis Freitagmorgen beschäftigen», sagt Thomas Schmid.