«Winken bitte nicht vergessen»

DIETFURT. Sie sind wieder unterwegs: Lars, Nero, Renzo, Diabolo und Figaro, die Wallache aus dem Stall von Sandro Scherrer. Am Sonntagmorgen sind sie gewaschen, herausgeputzt, geschmückt und vor die Postkutsche gespannt worden. Für die bisher zehnte mehrtägige Reise ins Tessin.

Beatrice Bollhalder
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Dietfurt ist eine Reise wert, mindestens für jene, die einmal eine mehrtägige Reise mit einer originalgetreu nachgebauten Postkutsche unternehmen möchten. Denn Sandro Scherrer und dessen Sohn Beni sind die einzigen, die eine solche anbieten. Und dass nostalgische Fahrten gefragt sind, zeigt sich unter anderem darin, dass am vergangenen Sonntagmorgen bereits zum zehnten Mal zu einer Fahrt mit dem Fünfspänner über drei Pässe gestartet worden ist. Und dies, obwohl die «Jungfernfahrt» erst vor sechs Jahren stattfand und Sandro Scherrer damals nicht im Traum daran gedacht hatte, so etwas einmal regelmässig anzubieten.

Reise über 200 Kilometer

Am Sonntagmorgen, pünktlich um 8.30 Uhr, trafen vier Paare, die sich bisher nicht kannten und zum Teil eine stattliche Anreise ins Toggenburg hatten, auf dem Hof Eichli in Dietfurt ein, um gemeinsam eine Reise auf historischer Route anzutreten. Sie alle verbindet der Gedanke, die Schweiz einmal in gemächlicherem Tempo zu erkunden. Die Postkutsche ist nämlich mit durchschnittlich sechs Kilometern pro Stunde unterwegs.

Dass der Fotoapparat bei keinem der Paare fehlen durfte, versteht sich von selbst. Allein schon die nachgearbeiteten Uniformen oder die historische Postkutsche sind ein Foto wert. Auch die fünf schön geschmückten Pferde dürften dieser Tage sehr oft als Sujet herhalten müssen.

Nach dem kurzen Kennenlernen und dem Apéro geht es los. Die Passagiere würden sich in den kommenden fünf Tagen, in denen sie die 200 Kilometer lange Reise auf kleinstem Raum unternehmen, bestimmt noch näherkommen. Schnell wurden sich die acht Passagiere einig, wer auf dem ersten Reiseabschnitt wo sitzen möchte. Die Plätze werden regelmässig getauscht.

Als letzte Information ermunterte Sandro Scherrer die Passagiere, den Menschen, die am Strassenrand die vorbeifahrende Postkutsche bewunderten – und dies seien jeweils viele – immer schön zuzuwinken. Sagt's, steigt auf den Kutschbock und bläst kräftig ins Posthorn. Und «d'Buebe», wie Scherrer die Pferde auch nennt, laufen zügig los Richtung Gotthardpass.

Grosse Vorbereitung

Eine solche Reise ist jeweils von langer Hand geplant. Schon früh müssen sich mögliche Passagiere endgültig entscheiden und den Betrag vorgängig vollständig einbezahlen, denn es ist nicht möglich, mit einer halbleeren Kutsche diese Fahrt zu unternehmen. Dafür sind die fixen Kosten für die Familie Scherrer einfach zu hoch. Sandro Scherrer und dessen Sohn Beni, die sich auf der Fahrt jeweils den Job des Kutschers und des Kondukteurs teilen, sind abwechslungsweise für das Führen des Fünfspänners zuständig. Neben diesen beiden müssen aber zwei weitere Helfer verpflichtet werden. Diesmal ist dies Peter Ammann, der in einem Privatauto das Gepäck der Passagiere mitführt, bei Bedarf den Verkehr regelt und schlimmstenfalls einmal auch einen Reisegast zu einem Arzt bringen kann. Werner Schiess steuert den 100 PS starken Traktor mit dem speziellen Anhänger Richtung Tessin. In diesem treten die fünf Pferde am Donnerstag dann den Heimweg an. Bei der Abfahrt ist er aber noch mit Hafer, Heu und Stroh gefüllt. Schliesslich müssen auch die Wallache unterwegs verpflegt werden. Am Anhänger können die Pferde abends dann auch angebunden, gefüttert und gepflegt werden. Ausserdem sind im Innern des Anhängers Kittel für die vier Pferdepfleger und Material, um das Geschirr jeden Abend reinigen und pflegen zu können, untergebracht.

Pferde sind starke Zugtiere

Und natürlich ist auch Reservegeschirr im Gepäck. Man weiss ja nie. Die fünf Pferde ziehen gemeinsam immerhin eine Last von rund zwei Tonnen. Das ist für die Tiere mit einem Eigengewicht von rund 600 Kilogramm aber kein Problem. «Pferde sind nämlich imstande, das Eineinhalbfache ihres eigenen Gewichtes zu ziehen», erklärt Sandro Scherrer, während er den geduldig wartenden Stars der kommenden Tage eine Hufpflege aufträgt. Sohn Beni, ein gelernter Hufschmid, striegelt in der Zwischenzeit die Schwänze der Tiere. Anschliessend holt der 23-Jährige das erste Original Bündner Postgeschirr – es lässt sich im Gegensatz zu den herkömmlichen verstellen – aus der Tenne und legt es einem Pferd um. Ohne Worte werden die fünf Pferde von den beiden Männern für die Reise hergerichtet. Jeder kennt die nötigen Arbeiten, bis die Tiere schliesslich fünfspännig vor der Kutsche stehen. Und wer sagt nun, welches der Pferde wo stehen soll? «Wichtig ist eigentlich nur, dass vorne links der Mutigste steht», erklärt der 49jährige Sandro Scherrer. Wer ist es und warum? «Ich habe Nero dazu ausgewählt. An dieser Stelle läuft jenes Pferd, dem die Nähe der vorbeifahrenden Autos am wenigsten ausmacht.»

Eine der wichtigen Vorarbeiten ist das Einstellen der Leinenlänge – des «Steuerrades» – wie Sandro Scherrer lachend bemerkt. Dazu müssen die Pferde zuerst ein paar Schritte rückwärts machen. Scherrer sitzt auf dem Kutschbock und verstellt diese so lange, bis alles stimmt. Dann lässt er die Tiere wieder ein paar Schritte vorwärts machen. Es passt. Dann also nichts wie unter die Dusche. Die rund eineinhalbstündige Reinigungsprozedur der Pferde hat auch bei den Männern Spuren hinter lassen. Schliesslich wollen sie doch sauber in die historischen Uniformen steigen. Während Sandro und Beni Scherrer mit der Postkutsche unterwegs sind – und das werden sie in diesem Sommer dreimal sein – schaut Ida Scherrer auf dem Hof Eichli zu den restlichen Tieren und melkt die Kühe.

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