«Wilhelm Tell» in Frauenhand

Am Mittwoch hatte die Inszenierung «Tell a crime story» des Chössi-Theaters und der Kantonsschule Wattwil Premiere. Das Stück überzeugt durch die Verknüpfung verschiedener Handlungsebenen, durch augenzwinkernde Ironie und durch gute Darstellerleistungen.

Martin Knoepfel
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WATTWIL. Theater im oder über das Theater: Das ist ein altes Erfolgsrezept. Man bringe auf die Bühne, wie ein Stück auf die Bühne gebracht wird, wobei es in der Inszenierung überdrehter zugeht – zugehen muss – als in der wirklichen Theaterwelt. Und so wird die Welt des Theaters, die ja eine Scheinwelt ist, durch das Theater im Theater ein zweites Mal gebrochen. Man sieht also quasi den Schein des Scheins.

Mit diesem Rezept haben das Chössi-Theater Lichtensteig und der Theaterkurs der Kanti Wattwil die Zutaten für ihre jüngste Produktion «Tell a crime story» gemixt und gekocht und angerichtet. Am Mittwochabend gab's das Film-Theater-Menu im Kino Passerelle zum Degustieren. Es mundete den Premierenbesuchern sehr gut, trotz der Länge von gut zweieinhalb Stunden, plus Entremets alias Pause.

Mafia-Szenen im Film

Es beginnt mit einem Knalleffekt – wörtlich. Gangster liquidieren in einer Fabrik Mitglieder einer rivalisierenden Mafia-Gang im Stil von US-Filmen. Es geht um nichts weniger als die Kontrolle des Toggenburgs. Gelungen die Kostüme. Mit Sonnenbrillen, dunklen Anzügen und Schlapphüten geben die Schauspieler die Mafiosi wie aus dem Rezeptbuch. Eine Verfolgungsjagd mit Schiesserei aus rasenden Autos als Sahnehäubchen darf nicht fehlen. Die Szenen, die im Mafia-Milieu spielen, sind als Film zu sehen.

Doch auch auf den Brettern, die die Welt bedeuten, macht sich die Unterwelt breit, sehr breit. Stefan Sucher, Schweizer Regisseur, nach Anfangserfolgen in Deutschland im Karrieretief angelangt, soll für den Theaterverein inszenieren. Hier verquirlen sich die Handlungsstränge.

Bodyguard mit eigenen Zielen

Dorothea Freifrau von Hohenlohe zu Tannenburg ist Chefin einer Traditionsfirma, die offiziell Holz importiert, aber tatsächlich die Brötchen im Drogen-, Menschen- und Waffenhandel verdient. Die Freifrau fördert den Theaterverein und fordert dafür, dass «Wilhelm Tell» aufgeführt wird. Stefan Sucher schluckt's, und folgt dem Rat seiner Freundin Svenja, alle Rollen von Frauen spielen zu lassen. Die Freifrau schluckt's – wenn ihre ebenso überkandidelte wie untalentierte Tochter Beatrice alias Trixi Highlow, die von einer Weltkarriere träumt, den Tell spielt. Stefan Sucher schluckt's. Die Proben geraten zur – gut gezeichneten – Karikatur des Laientheaters. Pfeffer in die Beziehung Svenjas mit Stefan bringt die schöne Hospitantin. Schliesslich muss Friedrich Schillers Geist als «poeta ex machina» eingreifen, wobei das Stück in diesem Punkt nicht mehr überzeugt. Und der Bodyguard, der Trixi beschützen soll, spuckt der Mafia-Patin ungewollt in die Suppe.

Die Aufführung endet mit einem weiteren Knalleffekt, einem Triumph für Stefan und einem Happy End mit den Churfirsten im Hintergrund, das fast schon kitschig ist. Einzelne Darstellerinnen und Darsteller herauszuheben, wäre ungerecht. Alle haben ihre Sache gut gemacht und zu einem wirklich unterhaltsamen Theaterabend beigetragen. Das gilt ebenso für Regie und Bühnenbild. Wer «Tell a crime story» verpasst, verpasst definitiv etwas (noch bis Sonntag).

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