Wildschweine «pflügen» Alpen

Die Zahl der durch Wildschweine verursachten Schäden im Gebiet Ebnat-Kappel und Nesslau-Krummenau ist in diesem Herbst wieder sprunghaft angestiegen. Für deren Behebung wurden auch Asylsuchende, die im «Girlen» untergebracht sind, eingesetzt.

Barbara Anderegg
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Dieses männliche Wildschwein, das im Ebnat-Kappler Steintal in eine Fotofalle getappt ist, wiegt gegen 100 Kilogramm. (Bilder: pd)

Dieses männliche Wildschwein, das im Ebnat-Kappler Steintal in eine Fotofalle getappt ist, wiegt gegen 100 Kilogramm. (Bilder: pd)

NESSLAU/EBNAT-KAPPEL. Eher an Äcker als an Wiesen erinnerten vor dem Schneefall die Flächen einiger Toggenburger Alpen. Der Grund: Wildschweine auf Futtersuche. 2011 noch wurden kaum Wildschweine im Toggenburg nachgewiesen. Dieses Jahr hingegen wurden laut Urs Büchler, dem kantonalen Wildhüter, bereits im Juni vereinzelt von diesen Huftieren verursachte Schäden festgestellt. In der Zeit von September bis November nun haben sie massiv zugenommen. Betroffen sind Alpen zwischen 1100 und 1400 Metern über Meer, alle auf der Schattenseite der Gemeinden Ebnat-Kappel und Nesslau-Krummenau. «Die Wildschweine, die hier nach Nahrung suchen, besiedeln diesen Höhenzug auf beiden Seiten. Sie pendeln also zwischen dem Toggenburg und der Region See und Gaster», so Urs Büchler.

Gründe für den Anstieg

Allerdings stellt dieses Gebiet gar keinen optimalen Lebensraum für Wildschweine dar. Sie bevorzugen tiefere Lagen, wo mehr Buchen- und Eichenwälder zu finden sind und die Winter weniger streng sind. «Wenn allerdings die idealen Lebensräume durch zu viele Tiere besiedelt sind, dann wandern einige ab in weniger optimale Gegenden», erläutert der Wildhüter. Die Population der Wildschweine kann denn auch innert kurzer Zeit enorm ansteigen. «Der Bestand von zehn Tieren kann sich bis im Herbst auf 20 bis 25 erhöhen, denn eine Bache, also ein Wildschwein-Weibchen, kann durchschnittlich vier bis sechs Frischlinge pro Wurf gebären», erläutert Urs Büchler. Und bereits nach einem Jahr sind diese selbst geschlechtsreif.

Der Obertoggenburger Wildhüter sieht noch einen weiteren möglichen Grund für das Anwachsen der Wildschweinpopulation im Toggenburg: 2011 trugen die Buchen viele Früchte. «Dadurch fanden die Tiere damals im Wald genügend Futter, so dass sie für die Futtersuche weniger auf die Wiesen ausweichen mussten», erläutert Urs Büchler. Das bedeutet, dass im letzten Jahr die vorhandenen Tiere kaum sichtbar wurden und sich damit auch der Jagd entziehen konnten. Diese Tiere konnten sich nun in diesem Frühjahr ebenfalls vermehren, was zu einem Anstieg des bereits im Toggenburg existierenden Bestandes geführt hat.

Wieder mehr auf den Weiden

Da nun gleichzeitig mit dem Anstieg der Population in diesem Jahr die Buchen weniger Waldfrüchte tragen, suchen die Wildschweine ihr Futter wieder vermehrt ausserhalb des Waldes. Sie fressen grundsätzlich alles, was sie im Boden finden, so zum Beispiel Engerlinge, Würmer, Knollen, Wurzeln oder Mäuse. «Die Wildschweine riechen enorm gut, sie suchen sich ihre Nahrung mit der Nase und brechen die Wiesen dort auf, wo sie etwas Fressbares gerochen haben», sagt Urs Büchler. Dabei «pflügen» die Tiere die Wiesen regelrecht um, indem sie die Grasschicht abtragen. «Wenn eine Gruppe von nur einer Bache mit ihren Jungen unterwegs ist, kann sie grossflächigen Schaden anrichten», so der Wildhüter. Problematisch ist dabei auch, dass die Tiere gerne immer wieder die gleichen Flächen aufsuchen. «Sie wissen: Wo sie etwas gefunden haben, gibt es allenfalls noch mehr», sagt er. Insgesamt haben die Tiere in diesem Sommer und Herbst im Toggenburg eine Fläche von ungefähr zwei bis drei Hektaren umgewälzt.

Wenig Tiere, grosser Schaden

Für die grossen Schäden verantwortlich kann eine relativ kleine Anzahl Tiere sein, denn das Schadenpotenzial der Wildschweine sei sehr hoch. Die Anzahl der sich im Toggenburg befindlichen Tiere zu schätzen, sei kaum möglich, sagt der Wildhüter. Die Wildschweine bewegen sich grossräumig und seien zudem nur nachts auf den Weiden unterwegs. Diese Umstände würden auch die Bejagung äusserst schwierig machen. Zudem erschwert wird die Wildschweinjagd durch deren gutes Gehör und den ausserordentlichen Geruchssinn, was vom Jäger hohes Geschick erfordert.

Dennoch machen die Jagdgesellschaften immer wieder Jagd auf die Wildschweine. Im Herbst 2010, nachdem die Schäden ebenfalls enorm waren, hatten sie im Toggenburg elf Tiere erlegt. «Auch das könnte ein Grund dafür sein, dass es im letzten Jahr kaum Nachweise gab», sagt der Wildhüter. Im Interesse des kantonalen Amts für Natur, Jagd und Fischerei liege es, den Bestand der Wildschweine auf tiefem Niveau zu halten, um so auch möglichst wenig Schäden zu riskieren. Aus diesem Grund habe man auch die Schonzeit für Wildschweine gänzlich aufgehoben, so der Wildhüter.

Schadensbehebung durch Jäger

Die Jäger haben selbst trotz oder gerade wegen der schwierigen Jagd ein besonderes Interesse daran, Wildschweine zu erlegen. «Es ist für einen Jäger ein besonderer Erfolg, wenn er ein Wildschwein erlegt hat. Zudem sind die Jagdgesellschaften verpflichtet, in dem von ihnen gepachteten Jagdrevier-Gebiet teilweise für die durch Wildschweine verursachten Schäden aufzukommen, sprich einen Anteil an deren Behebung zu leisten.

Entweder geschieht dies durch die Jagdgesellschaften selbst oder sie bezahlen einen Teil der anfallenden Kosten. «Es ist natürlich schwierig, immer genügend Mitglieder zu finden, die neben ihrer Arbeit Zeit dafür erübrigen können», weiss Urs Büchler aus Erfahrung. Da dem Amt für Natur, Jagd und Fischerei daran gelegen sei, dass möglichst einvernehmliche Lösungen gefunden werden, versucht Urs Büchler die Jagdgesellschaften durch die Vermittlung von kostengünstigen Lösungen zu entlasten. So haben in diesem Herbst erstmals Asylsuchende aus der Gruppenunterkunft «Girlen» für einen Einsatz bei der Schadensbehebung mitgewirkt. «Freiwillige Asylsuchende konnten sich dadurch einen Zusatzverdienst von drei Franken in der Stunde verdienen», sagt Urs Büchler. Während zweieinhalb Tagen waren zehn von ihnen dabei, die durch die Tiere abgerissenen Wasen wieder zurück in die Narben zu legen, so dass das Gras wieder anwachsen kann. Mit dabei war stets ein Mitglied der Jagdgesellschaft sowie der Bewirtschafter der betroffenen landwirtschaftlichen Fläche. «Ich finde es wichtig, dass alle, die ein Interesse an der Instandstellung haben, mit dabei sind und ihren Teil beitragen», begründet der Wildhüter. Letztlich gehöre das Wildschwein einfach zum Lebensraum dazu und gänzlich los, würde man dieses Tier auch durch die Jagd nicht.

Harter Winter, wenige Schweine

Wie sich die Wildschwein-Population bis im nächsten Sommer entwickelt, hängt stark davon ab, wie streng der Winter wird. «Wildschweine sind nicht darauf ausgerichtet, harte Winter zu überleben», so der Wildhüter. Sind die Böden zu stark gefroren, finden sie nichts mehr zu fressen. «Diejenigen Tiere, die nicht vor Wintereinbruch auf die See-Gaster-Seite wechseln, werden nur geringe Überlebenschancen haben», sagt Urs Büchler. Und in jener Region sind die Jäger ebenfalls aktiv. Bereits in diesem Jahr haben sie im Raum See und Gaster 18 Wildschweine erlegt.

Asylsuchende von der Gruppenunterkunft «Girlen» haben die Schäden auf den Alpweiden behoben.

Asylsuchende von der Gruppenunterkunft «Girlen» haben die Schäden auf den Alpweiden behoben.

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