WILDHAUS: Zwingli zieht Touristen an

Das Interesse an Huldrych Zwingli ist im Jahr des Reformationsjubiläums besonders gross. In Wildhaus können Zwinglis Geburtshaus, eine Ausstellung sowie ein Garten mit Pflanzen wie vor 500 Jahren besichtigt werden.

Adi Lippuner
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Claudia Vetsch, eine der Betreuerinnen im Zwingli-Geburtshaus, erläutert der Besuchergruppe aus dem Kanton Bern das Leben und Wirken des Reformators. (Bild: Adi Lippuner)

Claudia Vetsch, eine der Betreuerinnen im Zwingli-Geburtshaus, erläutert der Besuchergruppe aus dem Kanton Bern das Leben und Wirken des Reformators. (Bild: Adi Lippuner)

Es ist Mittwoch, kurz vor dem Mittag. Eine Gruppe von sieben Personen aus dem Kanton Bern hat eine Führung durch das Geburtshaus, die Ausstellung und den Garten gebucht. Claudia Vetsch – sie ist eine der fünf Betreuerinnen und zwei Betreuer im Geburtshaus – steht bereit, um den Besucherinnen und Besuchern Wissenswertes rund um Huldrych Zwingli zu vermitteln.

Angeführt von der Pfarrerin Maja Petrus aus Neuenegg bei Bern trifft die Gruppe wie vereinbart beim Geburtshaus ein. In der ehemaligen Amtsstube stehen Stühle bereit, damit die umfangreiche Geschichte rund um die Reformation und das Geburtshaus bequem im Sitzen gehört werden kann.
 

Mit der City-App unterwegs

Die Gruppe aus dem Kanton Bern absolviert dank dem R-City-Guide, der App der Schweizer Reformationsstädte, eine the­matische Tour de Suisse. Maja ­Petrus: «Ich habe mir Anfang Jahr vorgenommen, jeden Monat eine Ortschaft zu besuchen, und wer von unserer Kirchgemeinde Lust hat, kommt mit.» Bisher sei sie in Chur, Ilanz, St. Gallen, Basel und Zürich gewesen. «Nach Wildhaus kommen dann Neuenburg, Lausanne, Schaffhausen und später auch noch Genf an die Reihe.» Insgesamt gebe es GPS-geführte Rundgänge durch zehn Wirkungsorte von Huldrych Zwingli. Die App spreche am Thema interessierte Reformierte, aber auch Touristen an, welche die Schweizer Reformationsstädte aus dieser Perspektive entdecken wollen. Und so kam die Gruppe auch nach Wildhaus, um sich im Geburtshaus vertieft mit den An­fängen des später berühmten Reformators zu befassen.

Wie von Hans-Ulrich Knaus – er ist Präsident der Zwingliani­schen Gesellschaft und damit an vorderster Front mit «500 Jahre Reformation» beschäftigt – zu ­erfahren war, haben bisher 32 Gruppen mit insgesamt rund 3500 Personen die Ausstellung, das Geburtshaus und den Garten besucht. Dazu kommen noch rund 1000 Besuchende, welche spontan während der Öffnungszeiten vor Ort waren.
 

Von Durchreisenden bis zu Feriengästen

Betreut und begleitet werden die angemeldeten Gruppen von sieben Betreuungspersonen im Alter zwischen 44 und 87 Jahren. Wie Claudia Vetsch nach dem Rundgang erklärte, kommen Besucher aus der ganzen Welt nach Wildhaus. «Wir bieten Führungen in Deutsch, Englisch und Französisch an.» Spannend seien vor allem auch die Dialoge mit den Besuchenden. «Huldrych Zwingli ist östlich der Schweiz und zwar bis nach Fernost bekannt. Dies beweisen Besuche von Interessierten aus Japan und China.» Je nach Organisation der Reise machen Gruppen nur kurz in Wildhaus halt, lassen sich durch die Ausstellung, das Geburtshaus und den Garten führen und fahren dann zum nächsten Ziel. Andere Gruppen planen eine Kaffee­pause, einen Apéro oder ein Essen ein. Zudem gebe es Organisatoren, welche mit ihren Gästen einige Tage im obersten Toggenburg verweilen, um nicht nur das Leben von ­Huldrych Zwingli besser zu verstehen, sondern auch die Landschaft geniessen zu können, war zu erfahren.

 Und was sagen die Verantwortlichen von Tourismus und Gemeinde zum Zwingli-Jubiläumsjahr? Tanja Loher, Marketing­verantwortliche von Toggenburg Tourismus, sagt dazu: «Das Reformationsjubiläum ist aus touristischer Sicht spannend, da Wildhaus als Geburtsort von Zwingli im Fokus steht und in­teressierte Gäste ins Toggenburg bringt. Wichtig ist, dass die angestossenen Projekte weiterverfolgt und von allen Beteiligten mitgetragen werden.»

Gemeindepräsident Rolf ­Züllig: «Kirchliche oder kultu­relle Gruppen waren schon in der Vergangenheit eine respektable Besucherkategorie im Zwinglihaus. Das Leben und Wirken von Zwingli – wohl einer der einflussreichsten Bürger im Kanton St. Gallen – lockt im Zusammenhang mit dem Reformations­jubiläum und der Inszenierung vor Ort noch deutlich mehr Be­sucher nach Wildhaus. Zwingli und das Reformationsjubiläum sind wertvolle Mosaikstücke bei der Vermarktung unserer viel­seitigen Destination.»

Das Geburtshaus und die Ausstellung sind von Dienstag bis Sonntag von 14 bis 16 Uhr geöffnet, für Gruppen auf Voranmeldung auch ausserhalb dieser Öffnungszeiten. Der Garten ist frei zugänglich.

Burg samt Steg und Mühle

Die Informationen zum Leben und Wirken von ­Huldrych Zwingli werden bei der Führung in der Ausstellung und im Geburtshaus von Eckdaten aus dem damaligen Umfeld eingebettet. So erfahren die Besucher, dass vor der Geburt des späteren Reformators die Freiherren von Sax Besitzer der Wildenburg waren, diese aber samt Steg und Mühle, jedoch ohne Kirche an den Grafen von Toggenburg verkauften. Weil dieser Verkauf die Verpflichtung beinhaltete, dass zwischen Gams und Wildhaus eine Strasse erstellt werden musste, konnte in der Folge Handel betrieben werden.

Und so kommt der Name der Familie Zwingli ins Spiel, denn sowohl der Grossvater als auch der Vater von Huldrych waren Händler und der jeweilige Ammann der Gemeinde. In der ­Stube des Geburtshauses befindet sich eine Bollenbalkendecke, «eine Bauart, die früher nur in Amtsstuben zu finden war. Deshalb gehen wir davon aus, dass dies die Amtsstube des Ammanns war und die Familie im hinteren Teil des Hauses gelebt hat», erklärt Claudia Vetsch. (adi)