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WILDHAUS: Tragödien hautnah miterlebt

Im Obertoggenburg sind 1944 innert sechs Wochen zwei ausländische Bomber abgestürzt. Der damals siebenjährige Charly Güntert erinnert sich noch lebhaft an die Ereignisse vor 74 Jahren.
Beat Lanzendorfer
Charly Güntert kann sich genau an die Flugzeugabstürze des Jahres 1944 erinnern und liest noch heute gerne Artikel in der Zeitung, die sich mit der damaligen Zeit auseinandersetzen. (Bild: Beat Lanzendorfer)

Charly Güntert kann sich genau an die Flugzeugabstürze des Jahres 1944 erinnern und liest noch heute gerne Artikel in der Zeitung, die sich mit der damaligen Zeit auseinandersetzen. (Bild: Beat Lanzendorfer)

«Es war ein schöner Wintertag, der 16. März 1944», erzählt der heute 80-jährige Charly Güntert. In Davos geboren, zog er als Dreijähriger mit seinen Eltern nach Wildhaus. Anna und Karl Güntert erhielten 1940 die Möglichkeit, die Leitung des Naturfreundehauses Seegüetli zu übernehmen.

An die Zeit in Davos kann sich Charly Güntert nicht mehr erinnern. Er weiss allerdings von Erzählungen seines Vaters, dass in der Stadt damals die Landesleitung der NSDAP, der deutschen Nationalsozialisten, untergebracht war. Dessen Leiter, Wilhelm Gustloff, fiel am 4. Februar 1936 einem Anschlag zum Opfer. Der jüdische Student David Frankfurter erschoss ihn in dessen Davoser Wohnung mit einem Revolver. Das Begräbnis von Wilhelm Gustloff soll einem Staatsakt gleichgekommen sein. Nach ihm wurden die Wilhelm-Gustloff-Stiftung und der wenige Wochen vor Ende des Zweiten Weltkriegs versenkte Passagierdampfer Wilhelm Gustloff benannt.

Dort, wo sich heute die Gamplüt-Bahn befindet

«Ich war mit meiner Mutter mit den Skiern in der Gegend der Höchi/Schwendi unterwegs zum Einkaufen, als wir einen Flieger erblickten, der in der Luft kreiste und immer tiefer flog. Als er plötzlich Richtung Dorf abschwenkte und weiter an Höhe verlor, wussten wir, da stimmt etwas nicht.» Kurz darauf zerschellte die «Flying Fortress» an jener Stelle, an der sich heute die Talstation der Gamplüt-Bahn befindet. Der Absturz sorgte für einen Aufruhr, das Dorf entging knapp einer Katastrophe.

Sechs Wochen darauf kam es auf der Alp Gräppelen zu einem weiteren Absturz in unmittelbarer Nähe. Charly Güntert erinnert sich: «Ich bin von meinem Vater geweckt worden. Als wir Richtung Himmel blickten, konnten wir den Absturz eines Flugzeuges auf der Alp Gräppelen beobachten. Später erfuhren wir, dass es sich um eine Avro Lancaster handelte.» Die Maschine gehörte einer Bomberstaffel an, welche in jener Nacht Friedrichshafen bombardierte. Während sich die Besatzung sechs Wochen zuvor mit dem Fallschirm in Sicherheit brachte, konnten sich auf der Gräppelen nicht alle retten, einige Crewmitglieder verloren beim Absturz ihr Leben. Der Wirt des Restaurants Iltios, ein gewisser Keller, war Mitglied der Ortswehr, und weil er einen Töff besass, war er einer der Ersten an der Absturzstelle. Durch die Leitung des Naturfreundehauses sind Günterts häufig in Kontakt mit den Piloten gekommen. «Viele waren im Kanton Thurgau interniert, als dort die Kapazitäten aufgebraucht waren, wurden einige ins Seegüetli verlegt. Zeitweise waren 30 bis 40 Piloten bei uns untergebracht». Die meisten der Internierten haben den Aufenthalt genossen, auch darum, weil einige zuvor noch nie in ihrem Leben Schnee gesehen hatten. Mit einem amerikanischen Piloten hielt Familie Güntert sogar über das Kriegsende hinaus brieflichen Kontakt.

Im Haus waren zeitweise auch polnische Offiziere untergebracht, die sich mit einer Flucht in die Schweiz den Wirren des Krieges entzogen hatten. Gegen Kriegsende waren es italienische Staatsangehörige aus der Region um Domodossola, die im Seegüetli Unterschlupf fanden. Als Sympathisanten mit Hitler-Deutschland wollten sie sich wahrscheinlich dem Zugriff der Amerikaner entziehen. «Das Radio war zu damaligen Zeiten jenes Medium, über das die Bevölkerung die wichtigsten Nachrichten bezog.» Die Mittelwelle von Radio Beromünster war es auch, welche am 8. Mai 1945 das Kriegsende in Europa verkündete. Der achtjährige Charly wurde in der Schule von seinem Lehrer darüber informiert.

Mit Ross und Wagen Brot ausgeliefert

Charly Güntert erinnert sich aber nicht nur wegen des Krieges an seine Schulzeit zurück. «Zur Schule nach Unterwasser ging es im Winter mit den Skiern. Zurück zu Fuss. Dabei waren wir dankbar, wenn die älteren Schüler jeweils vorspurten, der Schnee war damals derart hoch.» Er erinnert sich auch, dass sie die Milch beim Bauern holten und das Brot mit Ross und angehängtem Schlitten ausgeliefert worden ist. «Nebenstrassen blieben manchmal wochenlang schneebedeckt. Erst wenn sich eine Schönwetterperiode einstellte, wurden sie vom Schnee geräumt – mit der Schaufel wohlverstanden und ohne maschinelle Hilfsmittel.» Ein Szenario, das heute undenkbar wäre. Wenn heute eine Strasse nicht schnellstmöglich «schwarz» ist, hagelt es Reklamationen.

Charly Güntert absolvierte nach seiner Schulzeit die Lehre als Maler und stieg nach einem Wanderjahr in Schweden mit 22 Jahren im elterlichen Malerbetrieb ein. Mit sechzig hat er das Geschäft verkauft und sich aus dem aktiven Berufsleben zurückgezogen. Güntert lebt mit Ehefrau Susanne noch heute in Wildhaus. Die Eltern zweier Töchter sind stolze dreifache Grosseltern und geniessen bei guter Gesundheit ihren Lebensabend.

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