Wienacht-Tobel
Im «Seebeli» wird solidarisch geackert: Wer will, kann sein Biogemüse selbst anbauen

Auf dem Biohof Seebeli in Wienacht-Tobel entsteht derzeit eine «Solawi». Diese neue Art der Landwirtschaft erfreut sich zunehmender Beliebtheit.

Karin Erni
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Im Projekt solidarische Landwirtschaft Seebeli in Wienacht-Tobel können die Mitglieder ihre eigenen Kartoffeln anpflanzen.

Im Projekt solidarische Landwirtschaft Seebeli in Wienacht-Tobel können die Mitglieder ihre eigenen Kartoffeln anpflanzen.

Karin Erni

Das Appenzellerland ist traditionellerweise Viehzuchtgebiet. Doch auf einem Hügelzug im Vorderland wird auch erfolgreich Biogemüse angebaut. Und nicht nur das ist hier ungewöhnlich: Die Solawi Seebeli in Wienacht-Tobel praktiziert die solidarische Landwirtschaft. «Bei diesem Konzept schliessen sich Konsumentinnen und Konsumenten mit Lebensmittelproduzenten zusammen und sorgen gemeinsam für Produkte, die gesund und fair sind für beide Seiten», erklärt Kathrin Maag.

Gemeinsam mit einer Gruppe Engagierten gründete sie dafür in diesem Frühjahr den Verein Solawi Seebeli. Damit kann der fünf Hektaren grosse Hof von Brigitt Schwaller nach deren Pensionierung im Herbst im selben Geist weitergeführt werden. Seit über 1987 ist der Hof biozertifiziert. «Grosse ökologische Vielfalt, sorgsamer Umgang mit dem Land und regionale Direktvermarktung bleiben erhalten», so Maag.

Nachhaltige Form der Landwirtschaft

Seit acht Jahren verkauft Brigitt Schwaller die Ernte ihrer Felder in Form von Gemüsetaschen an Kundinnen und Kunden in der Region. Diese Gemüseabos führt der Verein weiter. Doch neu werden die Abonnentinnen und Abonnenten zu Beteiligten des Betriebs. «Sie haben Mitspracherecht und bezahlen Betriebsbeiträge, welche die Produktionskosten decken. Dafür bekommen sie ihren Teil der Ernte zurück», erklärt Maag. «90 bis 120 Abos brauchen wir, um selbsttragend zu werden.» Ein Ziel der solidarischen Landwirtschaft sei auch, die Arbeitsstunden auf ein normales Mass zu senken und faire Löhne zu bezahlen. Die Anstellung von billigen Saisonarbeitskräften kommt daher nicht in Frage.

Beatrice Kunz, André Wetzel und Kathrin Maag engagieren sich als Vorstand für die Solawi Seebeli.

Beatrice Kunz, André Wetzel und Kathrin Maag engagieren sich als Vorstand für die Solawi Seebeli.

Bild: PD

Zur nachhaltigen Landwirtschaft gehört auch die Erhaltung und Förderung der Biodiversität, sagt Maag. «Wir haben viele Ökoflächen, wertvolle Hecken und Hochstammbäume. Gleichzeitig können von unserer Ackerfläche über 100 Familien mit Gemüse versorgt werden. Ökologie und Produktion gehen Hand in Hand.» Der Hof Seebeli bietet neben Gemüse auch Lammfleisch- und Obstprodukte an. Auch diese gelangen ohne Umwege zur Kundschaft, wie Maag erklärt. «Geschlossene Nährstoffkreisläufe sind uns wichtig. In diesem Sinne gehen wir auch schon viel weiter als es die Anforderung der Bioproduktion verlangen.»

Gemeinschaftliches Jäten am Feierabend

An diesem Vormittag arbeiten mehrere Personen auf dem sonnigen Kartoffelacker. Beatrice Kunz ist für die Produktion zuständig. Die gelernte biodynamische Landwirtin hat zusätzlich den Solawi-Lehrgang absolviert. Sie erklärt den freiwilligen Helferinnen gerade, wie man mit einfachen Methoden seltene Kartoffelsorten vermehren kann. «Unser bodenschonender Gemüsebau ist mit viel Handarbeit verbunden. Die Mithilfe der Mitglieder ist daher sehr erwünscht. Dabei sehen sie, wie Lebensmittel wachsen und was alles dafür nötig ist», so Kunz.

«Unsere Mitglieder bekommen einen ganz anderen Bezug zur Lebensmittelproduktion.»

Dieser sei mit der zunehmenden Verstädterung in den letzten Jahrzehnten vielerorts verloren gegangen, bedauert sie. «Die Leute schätzen den Ausgleich zur Kopfarbeit. Im Sommer bieten wir darum am Donnerstagabend ein Feierabend-Jäten an.» Durch die Arbeit in der Natur würden die Menschen auch wieder näher an die Saisonalität kommen und feststellen, dass auch nicht perfekt aussehendes Gemüse gut schmeckt. Auch werde vermehrt die ganze Pflanze genutzt und weniger verschwendet, so Kunz. «Bei vielen Gemüsen sind nämlich auch andere, als die aus dem Laden bekannten Teile essbar. So kann zum Beispiel das Kraut der Rüebli in einem Smoothie Verwendung finden.»

Die Initiantinnen stellen interessierten Personen ihr Projekt gerne persönlich vor. An folgenden Daten finden Infoanlässe statt: Sonntag 16. Mai von 13 bis 15 Uhr, und Sonntag 23. Mai von 15 bis 17 Uhr. Anmeldung unter: 079 243 65 15 oder www.seebeli.ch

Solidarische Landwirtschaft

Auf dem Vormarsch

Von Korea bis Frankreich – weltweit wird nach dem Konzept der Community Supported Agroculture CSA gewirtschaftet. In der Solidarischen Landwirtschaft schliessen sich Konsumenten und Produzenten zusammen und organisieren gemeinsam die Herstellung und Verteilung von Lebensmitteln. Die genaue Organisationsstruktur passt sich dabei den lokalen Begebenheiten an. In der Schweiz werden seit 40 Jahren mehr und mehr solche Kooperativen gegründet.

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