Wie(n) deftig – Wie(n) niedlich

Ich überzeuge mich in diesen Tagen vom sprachlichen Charme wienerischer Ausdrücke. Mindestens in gewissen Phasen meines Ferien-Aufenthaltes.

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Ich überzeuge mich in diesen Tagen vom sprachlichen Charme wienerischer Ausdrücke. Mindestens in gewissen Phasen meines Ferien-Aufenthaltes. Im Kaffeehaus wird ein «Schüsserl» Vanille mit Schlagobers angeboten, in der Fussgängerzone fragt die Verkäuferin die Touristen, ob sie das «Leiberl» mit Riesenrad-Aufdruck gerne in einem «Sackerl» aus dem Geschäft tragen möchten. Und am Eingang eines Fitness-Centers ist auf einem Plakat die Rede davon, jetzt in der Frühlingszeit unbedingt etwas für die «Wadln» zu tun.

In einem Reiseführer lese ich dann allerdings, dass den Wienern einerseits Fatalismus nachgesagt wird («Is eh ois wuascht»), anderseits würden sie sich durch Überlebenswillen auszeichnen («A echta Weana geht net unta»). Der Kompromiss dieser zwei Extreme sei die Tendenz zu makabren Ausdrücken und Schimpfwörtern. Verniedlichungen wie in den ersten Zeilen dieses Textes relativieren sich tatsächlich, wenn man sich nicht beim Musical-Besuch, in der Einkaufspassage oder im feinen Restaurant aufhält, sondern an einem Würstelstand abseits der Touristenströme oder beim Einnachten an einem Parkrand. Da tönt es nicht höflich, sondern deftig. «Du bis deppat! Homs da ins Hian gschissn?», ist zu hören – ähnlich wie in der Deutschschweiz, nur um ein paar Einheiten kräftiger. «Wüst e Packl Watschn?» gilt nicht als flottes Angebot eines Geschenkes, sondern ortsüblich als Androhung einer ausgedehnten Serie Ohrfeigen.

Auf dem Weg ins Hotel begegne ich – quasi als Gegenentwurf zu derart Nahrhaftem – nochmals und gänzlich unerwartet an offizieller Stelle einer netten Verkleinerungsform, und zwar auf einem Plakat der Wiener Verkehrslinien: Es geht kleingedruckt darum, den Leuten eine Busse von 50 Euro anzudrohen für den Fall, dass sie im U-Bahn-Bereich beim Rauchen erwischt werden. Hoffentlich ist die grossgedruckte Botschaft nicht nur sympathisch formuliert, sondern auch wirksam: «Rauchen kann Ihr Geldbörserl belasten.»

Lukas Pfiffner

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