Wie wichtig war, ist und bleibt uns Kurt Marti?

Medientipp der Appenzeller Bibliotheken

Rainer Stöckli
Merken
Drucken
Teilen

Vor zweieinhalb Monaten ist Pfarrer Marti, Dichter Marti, Buchautor Marti verstorben, 96-jährig. Keiner von uns sei unentbehrlich, sagt man leichthin und denkt ans Verlieren eher als ans Verschwinden. Mit Kurt Marti haben indessen beide Disziplinen, die Theologie und die Schöne Literatur in der Schweiz, einen Exponenten verloren. Tröstlich: Es überbleiben gut und gern achtzig Veröffentlichungen – in Büchereien, Archiven, Instituten, auch in Gemeindebibliotheken.

Aber Martis wieder und wieder bestürzende Stimme fehlt; es mangelt, nicht nur hierzulande, an Anstössen, das Schreiben, das Predigen, das Glauben zu überdenken. Von wem künftig die Diskurse, Skizzen, Gottesbefragungen und Spätsätze? Von wem die nächsten «gedichte am rand», «rosa loui»-Aussagen, «alfabeet»- und «heil-vetia»-Dichtungen? Von wem die «Paraburi-Sprachtraube», das «Abratzky»-Lexikon, die meer- und alpen-lyrik, das nächste «Fussgängerbuch», anderes Gotteslob und fernere Lebensermutigung? Weiterhin treffliche «Sätze, Sprünge, Spiralen», nicht allein in Tagebüchern?

Bücherbücherbücher – und jetzt auch CDs

Mitte Februar dieses Jahres hat Gabriele Barbey in einem Postskriptum notiert, es gehörten ins Angebot öffentlicher Bibliotheken auch andere Medien als das Buch, dazu gehöre auch die Bereitstellung von Spielen aller Art. Ebendieser Ansicht sind offenbar die Verantwortlichen des Spoken-Word-Unternehmens Gesunder Menschenversand. Vor fünf Jahren ist deren Hommage an Ernst Eggimann erschienen, zwei Audio-CDs mit Gedichten des gelobten beziehungsweise zu erinnernden Emmentaler Schriftstellers, allerdings von fremdem Sprecher rezitiert; auf der zweiten Compact Disc Widmungstexte zeitgenössischer Mundart-Könner resp. Sprechvirtuosinnen. Und unlängst, gut Jahresfrist, haben ebendie Luzerner Verleger eine Hommage an Kurt Marti auf den Markt gebracht, die Verlebendigung von Gedichten in Hochsprache und Dialekt, «gredt vom Outor»; daneben Sport, Experiment, Jonglage mit Marti-Texten durch Guy Krneta – umspielt, vertont, gerockt, begleitet von einer Musikergruppe namens Louisen. Ihr Vorsatz wörtlich: Kurt Marti die Ehre erweisen.

Taugt ein Booklet als Buchersatz?

Die Auftritte der Louisen-Gruppe fallen ins Jahr 2014, Martis Lyrik «ir Bärner Umgangs­schprach» und seine Gedichte in Schriftsprache datieren aus den endsechziger und anfangsiebziger Jahren, ebenfalls deren Rezitation durch His Master’s Voice.

Wie wichtig ist uns Martis Vermächtnis?

Mit der Wiedergabe so früher Original-Aufnahmen sind also vier, ja fünf Jahrzehnte überbrückt. Im Begleit-Aufsatz zur Doppel-CD (Booklet 2–10) weist Fredi Lerch hin auf des Schriftsteller-Pfarrers Verdienst, den Berner Dialekt aufs beste Niveau literarischer Aussage gehoben zu haben. Er erinnert allerdings auch daran, dass Marti die handkehrum erfolgte Mundartwelle rasch suspekt geworden sei und er sich, um ja keine Mode zu bedienen, entschlossen habe, nie mehr Dialektgedichte zu schreiben. Guy Krnetas Hommage ist ab sofort ausleihbar. Im Rüütiger Bibliotheklein fände man ausserdem Martis Notizen von 1979, Passionslyrik von 1981, «Klagen, Wünsche, Lieder» von 1987, die Dreieinigkeitslehre von 1989, Gedichte von 1995, welche das Gottesbild umkreisen, das Bändchen «Rühmung» von 2007, Reflexionen zur Vergänglichkeit aus dem Jahr 2010/11.

Ohne Umstände besorgte ein hiesiger Marti-Partisan weitere dreissig Titel, inbegriffen des Schriftstellers bedeutendes Frühwerk.

Rainer Stöckli

Gemeindebibliothek Reute

Guy Krneta & Louisen, rosa loui: Hommage an Kurt Marti. – Luzern: Der gesunde Menschenversand, 2015. (978-3-03853-017-6). Buchtipps nachzulesen unter: www.biblioapp.ch