Wie warme Luft

Jeden Abend können sich Gäste und Einheimische zum offenen Singen in der evangelischen Kirche treffen. Grosse Stimmen sind dieser Tage in Alt St. Johann zu hören, grosse Auftritte und grosse Emotionen zu beobachten.

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Jeden Abend können sich Gäste und Einheimische zum offenen Singen in der evangelischen Kirche treffen. Grosse Stimmen sind dieser Tage in Alt St. Johann zu hören, grosse Auftritte und grosse Emotionen zu beobachten. Abends aber gehört die Kirche für eine halbe Stunde den unbedeutsamen Singstimmen, ohne Applaus und ohne Publikum. Sie stimmen sich aufeinander ein, harmonieren, trauen sich, senken sich und werden energisch mit dem Klavier wieder auf gleicher Tonlage vereint.

Abwechslungsweise üben die beiden jungen Musiker Philipp Kamm und Mathias Ammann mit einer Handvoll Singender, mehrheitlich Frauen, Lieder ein. Nach einer halben Stunde zerstreuen sie sich, treffen in einem der Konzerte aufeinander, andere gehen nach Hause und bereiten das Abendessen für ihre Familien zu.

Zufallsgäste und Eingeladene

Eigentlich hätten sie Ferien machen wollen: Wandern, wie jedes Jahr, erzählen die zwei Männer und die Frau aus dem Wallis.

Durch die Touristeninformationen seien sie auf die Klangtage gestossen und könnten sich kaum mehr retten davor, erzählen sie und lachen. «Wandern mag man nicht, bei dem Regen, besser singen», fügt die Frau an. Ihr Kollege ist sich da nicht ganz sicher, brummelt etwas und meint, dass er morgen in die Höhe gehe, komme was da wolle.

Aus dem Waadtland ist eine andere Frau angereist, mit ganz besonderem Reisemotiv. Nach der letzten Klassenzusammenkunft habe sie ein Schulkollege aus dem Dorf, den sie 40 Jahre nicht mehr gesehen habe, eingeladen – wohl wissend, dass jetzt das Klangfestival Naturstimmen sei. Sie ist Musiktherapeutin, und freut sich über die vielstimmigen Eindrücke. Ganz besonders schätzt sie das offene Singen.

«Alles was Stimm und Klang ist, interessiert mich von Berufs wegen», sagt sie und hofft auf ihr noch unbekannte Lieder zu stossen.

Einatmen, rauspressen

Als Einheimische ist Anna Ammann vom Seegüetli dabei. Heute habe es im Betrieb gut gepasst, meint sie, singen tue sie immer gerne und den This erleben wolle sie auch. This, wie Matthias Ammann, der Alt St.

Johanner, genannt wird, hat am Konservatorium Musik studiert und ist Musiklehrer an der Oberstufe in Nesslau. This weiss, wie dem momentan übel verstimmten Instrument, der menschlichen Stimme, beizukommen ist. Zuerst braucht es Atemübungen. Zuerst wird unangestrengt Luft eingeatmet und energisch rausgepresst, mit «Zisch» und «Phüh»-Lauten. Dann wird einströmen lassen, «einfach kommen lassen», sagt der Dirigent und macht es vor.

«Wer will, kann jetzt auch aufstehen, wer will kann ruhig länger bleiben, denn eine halbe Stunde ist zu kurz», fügt er an. Wer will, kann sich jetzt auch den Tönen zuwenden. Der Dirigent lässt allen ihre Freiheit. Nur die Töne sollten warm sein, warm wie warme Luft und im Glissando, rauf und runter gezogen und keinesfalls näselnd gepresst.

Gebildet werden sollten sie im warmen Stimmraum und nicht in der Nasenspitze, auf dass ein warmer, konzentrierter Ton entstehen mag. Wie drei Klangbecken verteilt werden, in den Hosensäcken nach Fünflibern gesucht wird, ist die Bühne bereit. Er kann kommen, der «loschtige Buurebueb» und er kann gehen, der «Schatz», «go fuetere». Die Sängerinnen und Sänger sind sichtlich begeistert. Das finde sie so schön an diesem offenen Singen, bringt es eine Anwesende aus Zürich auf den Punkt.

Dass sie neben einer Frau aus dem Dorf stehe und sich an deren sichere Stimme anlehnen dürfe, dass sie für einen Moment keine Touristin und keine Konzertbesucherin sei, sondern einfach dazugehöre.

Kathrin Burri