«Wie Sozialhilfe ohne Schuldgefühle»

Am Donnerstag veranstaltete die Evangelische Kirchgemeinde Mittleres Toggenburg eine Bibelwerkstatt mit Workshops zum Thema «bedingungsloses Grundeinkommen». Es war der zweite Abend der dreiteiligen Reihe.

Stefan Feuerstein
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WATTWIL. «Bedingungslosigkeit ist ein urchristlicher Gedanke. Aus diesem Grund kamen wir vom Vorbereitungsteam der Evangelischen Kirchgemeinde Mittleres Toggenburg auf die Idee, Fragen zum Grundeinkommen zu thematisieren», erklärt Pfarrerin Trix Gretler die Wahl des Themas zur laufenden Veranstaltungsreihe. Sie führte das Publikum durch den zweiten der insgesamt drei Besinnungsabende, die sich mit Arbeit, Lohn und Leistung befassen.

Umverteilung des Geldes

Zu Anfang stellte sie den Anwesenden die Frage, welche Tätigkeiten sie ausführen und wofür sie eine finanzielle Gegenleistung erhalten würden. Schnell wurde klar, dass die Liste an unentgeltlichen Arbeiten deutlich länger war – angefangen vom Haushalt, über die Vereinstätigkeit bis hin zu Leistungen in der Politik. «Ohne diese Arbeiten würde unsere Gesellschaft nicht funktionieren, auch wenn sie auf finanzielle Art keine Wertschätzung erfahren», waren sich die Anwesenden einig. Ab wann aber Arbeit als Arbeit gilt, führte zu einigen Diskussionen.

Auf diese Problematik ging Ina Praetorius, Theologin und Mitinitiantin der Volksinitiative «Für ein bedingungsloses Grundeinkommen», anschliessend ein. Obwohl sie sich sicher sei, dass die Initiative wie anfangs das Frauenstimmrecht und die AHV kaum eine Chance hätte, sei es wichtig, sich die philosophischen Fragen zu stellen. «Viele Tätigkeiten, die notwendig sind, werden nicht ausgeführt, weil es keine Bezahlung gibt», so Ina Praetorius. Das nötige Geld für das Grundeinkommen in Höhe von 2500 Franken sei bereits vorhanden – einfach am falschen Ort. «Die Initiative hat eine Umverteilung zum Ziel», sagt sie. Im Anschluss an ihre Ausführungen kam es zu ausgiebigen Diskussionen. Wie lange kann so ein System funktionieren? Sind Menschen geborene Faulenzer oder würde das bedingungslose Grundeinkommen sie veranlassen, sinnvollere Tätigkeiten zu übernehmen? «Unsere Sozialsysteme fangen Menschen ohne Einkommen bereits gut auf. Der Unterschied besteht also nicht im Geld, sondern im Umgang mit den Menschen», sagt Ina Praetorius. «So wäre das Grundeinkommen wie Sozialhilfe ohne Schuldgefühle für die Betroffenen.»

Christliches Gedankengut

Im dritten Teil wurden Fragen zu Arbeit, Geld und Leistung anhand von Bibelpassagen in Gruppen besprochen. Dabei ging es vor allem darum, ihren Inhalt auf die heutige Problematik zu übertragen und weitere Erkenntnisse zu schöpfen. «Wir sind weder klare Befürworter noch Gegner des bedingungslosen Grundeinkommens. Unser Ziel ist die Auseinandersetzung mit einem Thema, das sehr viel mit christlichem Gedankengut zu tun hat», so Pfarrerin Trix Gretler.

Die dritte Veranstaltung der Reihe findet am Dienstag, 6. November, statt. Dann wird Theo Wehner, Professor für Arbeitspsychologie an der ETH, die Thematik aus wissenschaftlicher Sicht aufgreifen.