Wie lebte man vor 600 Jahren?

NEU ST.JOHANN. An der Hauptversammlung der Toggenburger Vereinigung für Heimatkunde warfen zwei Referenten einen Blick auf das 15. Jahrhundert und behandelten die Frage, welche Quellen Historikern aus dieser Zeit zur Verfügung stehen.

Serge Hediger
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Referent Martin Schindler und Autorin Katharina Meier zeigen eine in den Ruinen der Pfanneregg gefundene Kachel. (Bilder: pd)

Referent Martin Schindler und Autorin Katharina Meier zeigen eine in den Ruinen der Pfanneregg gefundene Kachel. (Bilder: pd)

Das 15. Jahrhundert war so etwas wie die Vorbereitungszeit der Neuzeit oder – bildlich gesprochen – der Türvorleger für Reformation und Aufklärung.

An der Hauptversammlung der Toggenburger Vereinigung für Heimatkunde führte Stefan Sonderegger, Leiter des Stadtarchivs der Ortsbürgergemeinde St. Gallen, die Mitglieder zurück in diese Zeit, in der die schriftlichen Quellen immer zahlreicher wurden: Kaufverträge für Grundstücke, Lehensverträge, Reglemente für die Bestossung der Alpen berichten vom profanen gesellschaftlichen Leben der Menschen, nachdem aus der Zeit davor vor allem klösterliche Schriftzeugnisse erhalten sind. Es war eine Ära, in der Geschichte anschaulich wurde und auswertbare Spuren der Aktivitäten der Bevölkerung zunahmen – auch in der Grafschaft Toggenburg, die in jener Epoche beispielsweise engen Handel mit Süddeutschland ennet des Bodensees trieb: Vieh gegen Getreide.

Kloster gefunden

Dem Leiter der Kantonsarchäologie St. Gallen und zweiten Referenten, Martin Schindler, stehen bei der Arbeit andere Formen lesbarer Quellen zur Verfügung, wie seine Würdigung der Semesterarbeit von Katharina Meier, Lütisburg, zeigt.

Die Kunsthistorikerin und Mittelalterarchäologin behandelt darin die Grabungsarbeiten auf der Pfanneregg, wo zwischen 1946 und 1957 zunächst nach der Festung Bärenfels gesucht wurde, aber schon bald die Überreste des 1620 abgebrannten Klosters Pfanneregg gefunden wurden (Das Toggenburger Tagblatt berichtete am 29. Oktober). Das zerfallene Kloster beim Vitaparcours oberhalb von Ulisbach war ursprünglich von Beginen, dies sind Laienklosterfrauen, bewohnt und stellt historisch deshalb einen besonderen Fundort dar, weil er klar datiert werden kann und sich anhand der Fundstücke wie Kacheln, Geschirr oder Eisenbeschläge ein Bild aus einer definierten Zeit zeichnen lässt. Damals haben Laien mit Bezug zu Fachleuten die Grabungsarbeiten vorgenommen – nicht ganz nach dem Standard der heutigen Wissenschaft.

Vor zwei Jahren erst wurden die Fundstücke, die unter anderem im Toggenburger Museum Lichtensteig und im Kloster St. Maria der Engel in Wattwil aufbewahrt waren, in der St. Galler Kantonsarchäologie zusammengeführt. Auch der Fundbericht galt als verschollen, bis er im Wattwiler Ortsarchiv zum Vorschein kam. Initiantin der elf Jahre dauernden Grabungen war die Toggenburger Vereinigung für Heimatkunde, die – zwei Jahre zuvor gegründet – die Arbeiten als Beitrag an die nationale Burgenforschung verstand. Aus einem Legat des im August verstorbenen Liechtensteiner alt Stadtammanns Robert Forrer konnte die Vereinigung die Semesterarbeit Katharina Meiers als Buch in 70 Exemplaren drucken lassen, das nun den wichtigsten Archiven, Museen und Universitäten zur Verfügung steht. Zusätzlich konnte ein geraffter Text der Arbeit im «Toggenburger Jahrbuch 2016» veröffentlicht werden.

Wahl in den Vorstand

Im zweiten Teil ihrer Jahresversammlung wählte die Toggenburger Vereinigung für Heimatkunde Christelle Wick, Wattwil, in den Vorstand. Als Kuratorin des Toggenburger Museums steht ihr dieser Sitz der Tradition entsprechend zu. Der Verein Toggenburger Vereinigung für Heimatkunde, der aus dem vor 120 Jahren gegründeten Museum heraus entstanden ist, zählt aktuell 378 Mitglieder und weist derzeit ein Vermögen von 110 000 Franken aus.

Ein Grossteil dieses Vermögens ist in einem Fonds gebunden, dessen Zinsen zur Anstossfinanzierung historisch bedeutender Arbeiten im Toggenburg der ursprünglichen alten Bezirksgrenzen vorgesehen sind.

Stefan Sonderegger, Leiter des Stadtarchivs der Ortsbürgergemeinde St. Gallen

Stefan Sonderegger, Leiter des Stadtarchivs der Ortsbürgergemeinde St. Gallen