Wie Kunst die Sinne schärft

APPENZELL. Start geglückt: Das «Goofe»-Atelier in der Kunsthalle Ziegelhütte in Appenzell lockte Kinder und ihre Eltern ins Museum. Nach den Herbstferien können Kinder dort vorerst jeden Mittwochnachmittag gestalterisch aktiv werden.

Ueli Abt
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Bevor die Kinder selbst den Pinsel in die Hand nehmen, schauen sie im Museum genau hin. (Bild: Ueli Abt)

Bevor die Kinder selbst den Pinsel in die Hand nehmen, schauen sie im Museum genau hin. (Bild: Ueli Abt)

Die beiden nebeneinander gehängten Porträts im Ausstellungsraum der Kunsthalle Ziegelhütte scheinen zusammenzupassen – doch worin unterscheiden sie sich? «Es gibt ganz viele Unterschiede», findet Ruven, der zusammen mit Jana, Malena, Lynn, Colin, Selina, Anouk und Valerie vor den beiden Bildern steht. «Dann ist es vielleicht fast einfacher, bei den Gemeinsamkeiten zu beginnen», schlägt Kunstvermittlerin Annina Thomann vor.

Realistisch oder nicht?

Später wird sie der Gruppe erzählen, dass jener auf dem Gemälde porträtierte Fünfjährige, Carl Walter Liner, als 30-Jähriger selber Bilder malte, und dass diese nun gleich nebenan ausgestellt sind.

Ein Teil der Bilder der aktuellen Ausstellung, in welcher die Kinder gerade stehen, stammt zudem von Bewohnerinnen und Bewohnern des Wohnheims Steig in Appenzell, erzählt Thomann weiter. Eines dieser Gemälde zeigt die «Stääg», eingebettet in die Landschaft. Mit den homogenen Flächen in reinen Farben wirkt die Darstellung wie eine Collage, und scheint dabei auf Carl Walter Liners «Landschaft mit Kamor und hoher Kasten» Bezug zu nehmen.

«Ist dieses Bild realistisch?», fragt die Museumspädagogin. «Neiiin!», rufen die Kinder entschlossen. «Seid ihr sicher?», fragt Thomann nach – «der Himmel ist doch tatsächlich blau und das Gras grün?»

«Wir leben in einer visuellen Zeit. Die Auseinandersetzung mit der Kunst ist eine ausgezeichnete Möglichkeit, unsere Sinne zu schärfen», sagt Kunstvermittlerin Thomann am Rand des Anlasses. Sie freut sich, dass das «Goofe-Atelier» trotz geringem Werbeaufwand von Beginn weg auf Anklang stiess – und obwohl das Mittwochnachmittags-Angebot in Konkurrenz steht etwa zu Musikunterricht und dem sportlichen Freizeitprogramm. Im Gegensatz zu diesen beiden Bereichen komme das gestalterische Angebot bislang in vielen Gemeinden noch zu kurz. «Die Vermittlung von Gestaltung und Kunst bleibt oftmals auf das schulische Angebot beschränkt», so Thomann.

Mit dem «Goofe-Atelier» will die Heinrich-Gebert-Kulturstiftung die Bevölkerung aus der Region stärker mit dem Museum vernetzen. Um dieses Ziel zu erreichen, sind auch Veranstaltungen für andere Altersgruppen, beispielsweise für Senioren, vorgesehen.

Gegenständlich oder abstrakt

Volle 45 Minuten mögen sich die Kinder in der Ausstellung mit den Bildern befassen. Nach einem ersten Rundgang durch den Saal haben die Kinder eine Farbkarte gezogen und sich auf die Suche nach dem betreffenden Farbton in den Bildern gemacht. Dann aber geht es hinunter ins Erdgeschoss, wo sich das Malatelier befindet.

Nun greifen die Kinder zum Pinsel und malen ein Bild, das zu einem der Bildpaare der Ausstellung passt. Später treffen weitere Kinder ein – wie es das offene Konzept des Malateliers denn auch vorsieht. Selina malt einen Regenbogen, Jana eine Landschaft mit Haus und Krähen, Colin, Ruven und Lynn malen abstrakt. Ein Bild kann nicht realistisch gemalt, aber dennoch schön sein, hat jemand von den Kindern beim Ausstellungsrundgang in die Runde gegeben.