«Wie hat der Seluner sein Leben erlebt?»

25 Jahre nach Ersterscheinen legt die Toggenburger Autorin Rea Brändle mit «Johannes Seluner. Findling.» eine erweiterte Neuausgabe vor.

Serge Hediger
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Johannes Seluner um 1880. Schweizer Bürger mit Heimatort Nesslau wurde er 1850. (Bild: PD)

Johannes Seluner um 1880. Schweizer Bürger mit Heimatort Nesslau wurde er 1850. (Bild: PD)

Das neue Buch der einheimischen Autorin Rea Brändle fasziniert durch sein umfangreiches Hintergrundmaterial.

Frau Brändle, was ist neu an Ihrem Buch?

Das Buch behandelt fast doppelt so viele Quellen. In den USA und in Hamburg sind Nachrufe auf den verstorbenen Johannes Seluner erschienen. Im «Appenzeller Kalender» hat ein Autor eine ganze Vorgeschichte über die Kindheit des Findlings erfunden und sich vorgestellt, wie er ins Toggenburg gelangt sein könnte. Und schliesslich erfahren die Leserinnen und Leser viel darüber, was es hiess, in einem Armenhaus des 19. Jahrhunderts regelrecht eingesperrt zu sein. Wer nicht «recht» tat, wurde damals gezüchtigt. In Nesslau wurden Menschen noch bis ins 20. Jahrhundert hinein an einen schweren, sogenannten «Totz» gekettet. Dabei hatten Menschen wie Johannes Seluner nichts getan, ausser arm, stumm und gehörlos zu sein.

Ihr Buch hat auf die Frage «Wer war Johannes Seluner?» viele Antworten. Es gibt den Seluner, der bloss Sozialkosten verursachte. Jenen, den die Kinder plagten. Jenen, den man fürchtete. Jenen, den ein Professor vermessen hat.

Seine Knochen lagern noch heute in einer Kiste im Depot des Anthropologischen Instituts der Universität Zürich. Damals glaubte man, anhand vermessener Knochen einem Menschen eine geographische Herkunft geben zu können. Das war ein Irrtum jener Zeit. Bei der Untersuchung kam nichts heraus. Für mich stellt sich heute eine andere Frage. Müssten seine Gebeine nicht wieder bestattet werden? So, wie man das beispielsweise mit dem gleichzeitig exhumierten Mathematiker Ludwig Schläfli aus Bern gemacht hat? Oder wäre ein anderer respektvoller Akt angebracht? Ein Gedenkstein? Ein Plätzchen, das seinen Namen trägt. Oder eine Tafel? Etwas Bleibendes, das nach dem Seluner benannt wird. Und auch stellvertretend für all jene Armen steht, die von den Sozialbehörden nur als Kostenfaktor gesehen wurden?

Heute wären DNA-Proben möglich, um das Geheimnis seiner Herkunft zu lüften.

Dazu müsste man auch Proben seiner Verwandten haben. Das ist im Fall von Johannes Seluner nicht möglich. Und doch: Man wird in ein paar Jahren anhand von Proben aus seinen Zähnen auf 50 Kilometer genau sagen können, wo er seine Kindheit verbracht hat. Früher hätte ich das sehr spannend gefunden, heute frage ich mich: Ist das nun wichtig, ob er ein Toggenburger war?

Was fasziniert Sie denn an der Geschichte?

Johannes Seluner war einer, der 56 Jahre lang im oberen Toggenburg interniert war und über den dennoch Nachrufe im Welschland erschienen. Das ist das Spannende. Er war einer, in den die Leute viel hineinprojiziert haben. Was für Leute waren das? Einer hat geschrieben, Johannes Seluners Finger seien so feingliedrig, dass er von nobler Abstammung sein müsste. Wie kommt es, dass jemand solche Phantasien auslöst? Man erfährt aus Johannes Seluners Geschichte viel über die Menschen, die damals Umgang mit ihm hatten. So ist mir unverständlich, wie noch um 1950 ein Lehrer darüber schreiben konnte, wie er als Kind den Seluner mit Steinen traktierte. Für einen Pädagogen ginge das heute nicht mehr. Als Kind hörte ich Geschichten über «s'wild Mannli», wie er in Alt St. Johann heisst; die Leute erzählten, als hätten sie den Seluner gekannt. Dabei haben sie ihn gar nicht mehr erlebt. Das finde ich spannend.

Wenn ich auf dem Foto Seluner in die Augen schaue, dann sehe ich Schalk…

…ja. Erstaunlich für einen Mann, von dem es im Zettelkasten der Zentralbibliothek in Zürich bloss hiess: «Johannes Seluner, Idiot». Im Laufe der Recherche hat sich mir noch eine andere Veränderung der Sichtweise ergeben. Nicht nur, wie andere den Seluner erlebt haben, sondern mich wundert heute, wie er sein Leben gelebt hat. Wie hat er seine Umgebung wahrgenommen? Es heisst von ihm, er hätte sich einfacher Laute bedient, um sich verständlich zu machen. Welchem System folgte er? Oder wie hielt er es mit der Hygiene? Wurde er gewaschen? Es hiess, er habe seine Haare selber geschnitten. Mag sein, den Bart wohl eher nicht.

Brändle, Rea: Johannes Seluner. Findling. Eine Recherche. 2016: Chronos-Verlag, Zürich. 184 Seiten, 32 Franken.

Rea Brändle Autorin (Bild: Hansruedi Kugler)

Rea Brändle Autorin (Bild: Hansruedi Kugler)