Wie die Welt nach Gais kam

Die Entdeckung der Molke als Heilmittel machte das Dorf Gais zu einem berühmten Kurort. Am europäischen Tag des Denkmals zeigte Kantonsbibliothekarin Heidi Eisenhut, wie Ärzte und Dichter zum Ruf der Gemeinde beitrugen.

Michael Genova
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Auf ein Glas Molke: Besucherinnen und Besucher kosten vom einstigen Heilmittel, das Gais zu einem international bekannten Kurort machte. (Bilder: Michael Genova)

Auf ein Glas Molke: Besucherinnen und Besucher kosten vom einstigen Heilmittel, das Gais zu einem international bekannten Kurort machte. (Bilder: Michael Genova)

GAIS. Mit Begeisterung schrieb der Trogner Arzt Laurenz Zellweger an seinen Brieffreund, den Zürcher Philologen Johann Jakob Bodmer: «Kommen Sie zu uns und geniessen Sie die reine, frische Luft.» In französischer Sprache beschrieb er die Vorzüge der Appenzeller Landschaft und pries die heilende Wirkung der «petit lait» – der Ziegenmolke, die Mitte des 18. Jahrhunderts als Heilmittel entdeckt wurde.

Anhand solcher Briefe und mit Druckgrafiken zeigte Kantonsbibliothekarin Heidi Eisenhut anlässlich des europäischen Tags des Denkmals am Samstag, wie Gais unerwartete Berühmtheit erlangte. Ein brustkranker Mann wurde 1749 plötzlich wieder gesund, nachdem er regelmässig Geissenmolke getrunken hatte. Diese Nachricht verbreitete sich rasant, und in der Folge stieg Gais zum ersten Molkenkurort Europas auf.

Dichter preisen Molke aus Gais

Nach Laurenz Zellweger schrieben viele weitere Männer über das gesundheitsfördernde Wundergetränk. «Die Molkenkult-Welle hat viel damit zu tun», sagte Heidi Eisenhut. So trug Johann Jakob Bodmer das Lob der Appenzeller Natur und der Molke in einer eigenen Schrift weiter. Auch der Zürcher Stadtarzt Johann Kaspar Hirzel und der Idyllendichter Salomon Gessner griffen das Thema auf. Und der deutsche Reiseschriftsteller Johann Gottfried Ebel schrieb 1798: «Gais ist der einzige Ort in der Schweiz, wohin sich alljährlich eine Menge kränklicher Personen begeben, um Ziegen-Molken zu trinken.» Im Museum in Gais erinnern zahlreiche Bilder daran, wie sich der Dorfplatz in jener Zeit veränderte und wie der Tourismus Leben ins Dorf brachte. «Cures de petit lait» – Molkenkuren – steht etwa unter einer Druckgrafik. Kurgäste kauften auch Erinnerungsstücke, die sie nach Hause nahmen. Heidi Eisenhut zeigte ein seltenes Ansichtenglas, auf dem die Silhouette von Gais abgebildet ist. «Das waren die Souvenirs vor dem Zeitalter der Postkarten», so Eisenhut.

Die Bank im Wohnhaus

Eine weiterer Rundgang am Denkmaltag führte in die Geschäftsstelle der Raiffeisenbank am Dorfplatz 12. Das 1780 erbaute Wohnhaus wurde 2012 renoviert und in ein Wohn- und Geschäftshaus umgewandelt. Holzbauingenieur Paul Grunder aus Teufen erklärte, wie es gelang, das Gebäude zu modernisieren und gleichzeitig die historische Substanz zu erhalten. Das Problem alter Häuser sei oft, dass die Böden federn und die Treppen knarren, sagte Grunder. Deshalb seien Bauherren im ersten Moment versucht, die alten Tillböden herauszureissen. Paul Grunder hingegen hat sich mit seinem Ingenieurbüro darauf spezialisiert, aus alten Böden moderne Hohlkörperdecken zu bauen. Dabei werden die Hohlräume zum Schallschutz mit Steinwolle und gewaschenem Sand gefüllt. Denkmalpfleger Fredi Altherr betonte, dass die Erneuerung alter Böden nicht teurer sei. Die Raiffeisenbank habe sich auch aus finanziellen Gründen für das beschriebene Vorgehen entschieden und damit gleich zwei Ziele auf einmal erreicht: «Die Ansprüche an Sicherheit und Schallschutz sind erfüllt – und das Herz hat auch noch Freude.»

Die Geschäftsstelle der Raiffeisenbank ist eines der traditionellen Holzhäuser mit ihren geschweiften Giebeln am Dorfplatz. Sie entstanden nach dem Brand von 1780. Fredi Altherr wies darauf hin, dass die Häuserzeile nur auf den ersten Blick einheitlich erscheine, und machte auf markante Stilunterschiede aufmerksam. So haben einige Gebäude typische Bandfenster, wie man sie von Appenzeller Häusern kennt. Bei anderen kamen aus modischen Gründen Einzel- oder Lochfenster zum Einsatz.

Holzbauingenieur Paul Grunder erklärt, wie die Filiale der Raiffeisenbank am Dorfplatz in Gais schonend renoviert wurde.

Holzbauingenieur Paul Grunder erklärt, wie die Filiale der Raiffeisenbank am Dorfplatz in Gais schonend renoviert wurde.