"Widerstand leistet man täglich": Rahel Stieger aus Gais spielt im Theaterstück "Apéro Riche" eine der Hauptrollen

In der Lagerhalle der Goba Mineralquelle in Bühler probt der «Theater Varain» derzeit das Stück «Apéro Riche». Laienschauspielerin und Theaterpädagogin Rahel Stieger aus Gais spricht über ihre Rolle als Journalistin und Widerstandskämpferin.

Claudio Weder
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Rahel Stieger alias Kerstin Odermatt sorgt in «Apéro Riche» für einen Aufstand. (Bild: Urs Bucher)

Rahel Stieger alias Kerstin Odermatt sorgt in «Apéro Riche» für einen Aufstand. (Bild: Urs Bucher)

Rahel Stieger, in «Apéro Riche» spielen Sie die kritische Journalistin Kerstin Odermatt. Was zeichnet diese Figur aus?

Kerstin Odermatt ist eine emanzipierte Frau, die gegen Stillstand und gegen die Angst vor Veränderung kämpft. Sie scheut sich nicht davor, ihre Meinung zu sagen. Genau dies wird ihr aber zum Verhängnis: Als sie in einem Zeitungsartikel zur «MeToo»-Debatte offen ihre Meinung äussert, löst sie einen Shitstorm aus. Sie erhält Hassmails, Drohbriefe und wird schliesslich entlassen. Seine Meinung zu sagen, das passe nicht zu einer Frau, sagt man zu ihr. Doch Kerstin kämpft für ihr Recht: In der Schlussszene kommt es zum Aufstand. Die Schlusspose, die an Jeanne d’Arc erinnert, zeigt, was sie wirklich ist: eine Protestfigur.

Die Figuren des Stücks wurden von den Darstellern selbst entwickelt. Erzählen Sie uns mehr von der «Geburt» Ihrer Rolle.

Mit dem Stück «Apéro Riche» wollen wir Verstaubtes modern aufbereiten. Es geht darin gar nicht so sehr um das historische Ereignis des Landesstreiks, sondern um persönliche Streiks und Widerstände. Diese leistet man täglich, indem man vielleicht nicht im Chor zu allem Ja und Amen schreit. Am Anfang stand also die Frage, wofür wir persönlich auf die Strasse gehen würden oder wann wir in unserem Leben schon Widerstand leisten mussten. Meine Figur entstand – wie alle anderen auch – aus der Improvisation heraus. Regisseurin Katja Langenbach teilte uns Namen und Berufe zu und schaute dafür, dass alle Schauspieler eine Rolle erhalten, die «typgerecht» ist und mit der sie sich identifizieren können.

Inwiefern passt die Rolle zu Ihnen?

Mir persönlich gefiel die Revoluzzer-Rolle von Kerstin Odermatt sehr. Auch wenn ich ihren Namen nicht wirklich mag (lacht). Ich bin wie Kerstin eine Frau, die für Gleichberechtigung kämpft und die nicht immer diplomatisch geschickt aufs Maul hocken kann. Auch wenn ich niemals auf die Idee kommen würde, an einem Apéro einen solchen Aufstand zu produzieren. Herumbrüllen liegt mir nicht so.

Denken Sie, dass wir öfters sagen sollten, was wir denken?

Ja, absolut. Gerade in der Schweiz traut man sich nicht so recht, seinen Mund zu öffnen. Vor allem in der Politik: In unserem Parlament geht es sehr gesittet zu und her, verglichen mit anderen Ländern. Wir Schweizer sind brave Bürger, wehren uns viel zu wenig. Das liegt aber vielleicht daran, dass wir – im Vergleich zu anderen Ländern – die Möglichkeit haben, uns aktiv am politischen Geschehen zu beteiligen. Trotzdem sollten wir das Risiko auf Verluste ab und zu eingehen und sagen, was wir denken. Das Problem ist, dass wir stets allen gefallen wollen.

Hat man als Laienschauspielerin mit besonderen Schwierigkeiten zu kämpfen?

Natürlich brauchen wir Laien etwas mehr Zeit, bis der Text sitzt und die Abläufe stimmen. Zudem stellte uns auch die Schwere und Melancholie des Themas beim Improvisieren vor Herausforderungen. Die grösste Schwierigkeit besteht für mich darin, auf der Bühne ich selbst zu bleiben und mich dabei gleichzeitig in eine andere Person hineinzudenken.

Wie kamen Sie zum Theaterspielen?

Als der «Theater Varain» vor fünf Jahren für die Aufführung des Festspiels «Der Dreizehnte Ort» in Hundwil Laienschauspieler suchte, meldete ich mich – und war sofort Feuer und Flamme für das Theaterspiel. Kurz darauf entschied ich mich zur Ausbildung als Theaterpädagogin. Am «Theater Varain» fasziniert mich, dass man sehen kann, wie ein Theaterstück von Null auf entsteht. Das hilft mir letztlich auch für meine Arbeit als Theaterpädagogin.

Hinweis: Die Premiere findet am 25. Oktober in der Goba AG in Bühler statt. Weitere Vorstellungen bis 17. November, Infos unter www.theater-varain.ch.

Apéro Riche oder wofür es sich zu streiken lohnt

Die Laienspieler des Theater Varain haben sich ein grosses Thema vorgenommen: Sie entwickelten ein Stück zum Landesstreik 1918. Statt Historisches nachzuerzählen, erkunden sie in persönlichen Szenen, was Streik heute bedeutet.
Julia Nehmiz