Wettkampferfahrung sammeln

ALT ST. JOHANN/NESSLAU. 75 Tage Vorbereitung, um an den WorldSkills in São Paulo bei den Besten zu sein, das nimmt der Nesslauer Michael Bösch auf sich. Ihm bietet sich die einmalige Chance, als Gebäudetechniker an den diesjährigen Berufsweltmeisterschaften als Schweizer Vertretung dabei zu sein.

Beatrice Bollhalder
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Michael Bösch gibt sich locker. Er hat ja noch ein paar Trainings vor dem grossen Wettkampf vor sich. (Bild: Beatrice Bollhalder)

Michael Bösch gibt sich locker. Er hat ja noch ein paar Trainings vor dem grossen Wettkampf vor sich. (Bild: Beatrice Bollhalder)

Der grössere Teil der Lernenden hat zum Ziel, die jeweilige Berufsprüfung mit einer guten Note abzuschliessen. Wer wie Michael Bösch aus Nesslau als Spengler und zwei Jahre später als Sanitärinstallateur an den Schweizer Meisterschaften antreten kann, hat beruflich schon einiges geleistet. Michael Bösch ist aber noch nicht am Ziel seiner beruflichen Karriere angelangt. Der 21-Jährige hat im vergangenen Jahr bei den SwissSkills in Bern als Sanitärinstallateur die Goldmedaille und damit den Schweizer-Meister-Titel geholt. Innerhalb des Schweizerisch-Liechtensteinischen Gebäudetechnikverbandes (suissetec) machten im vergangenen November die jeweils drei Besten aus den Sparten Sanitär und Heizung jenen Berufsmann unter sich aus, der die Schweizer Farben im kommenden August an den WorldSkills in São Paulo vertreten darf.

Routine bekommen

Seit vergangenem November weiss der junge Berufmann, dass er im Sommer nach Brasilien reisen und dort sein berufliches Geschick unter Beweis stellen kann. Wie aber bereitet man sich auf einen so wichtigen Wettkampf vor? «Das Ganze ist gut geplant», erklärt Michael Bösch. Organisiert von SwissSkills haben sich die Schweizer Kandidaten und die Experten während eines Wochenendes im Januar in Davos getroffen. Ein weiteres Teamweekend stand vor zwei Wochen in Spiez an, und Mitte April treffen sich alle rund 40 Schweizer Kandidaten ein weiteres Mal in Mendrisio, um die mentalen Kräfte zu trainieren. Auch der Umgang mit den Medien wird erlernt. Mit Entspannungsübungen und verschiedenen Spielen werden die jungen Berufsleute für den grossen Wettkampf fit gemacht. Etwas Bauchweh macht dem jungen Nesslauer der bevorstehende Feuerlauf, mit dem die persönlichen Grenzen durchbrochen werden sollen. Michael Bösch hofft, dass ihm in Brasilien die fehlenden Englischkenntnisse nicht zum Verhängnis werden. Allerdings steht dem Team ein Übersetzer zur Verfügung. Michael Bösch hat mit Florian Müller zudem einen Experten an seiner Seite, der vor vier Jahren selber an den WorldSkills teilgenommen hat und sich gut in die Situation des Toggenburgers einfühlen kann.

Internationale Trainings

Michael Bösch trainiert aber nicht nur im schweizerischen Bildungszentrum des Gebäudetechnikverbandes in Lostorf, sondern absolviert auch internationale Trainings. So hat er beim ersten Treffen im deutschen Schweinfurt erfahren können, wie professionell seine direkten Mitbewerber um den Weltmeistertitel aus England, Deutschland oder dem Südtirol sind. Er konnte feststellen, dass die Differenz zu seinen Mitkonkurrenten kleiner geworden ist, als sie das bei den SwissSkills noch war. «Jetzt sind nur noch die Besten eines Landes im Rennen», gibt Bösch zu bedenken. Bei diesen Treffen ist die gestellte Aufgabe sehr ähnlich jener, die dann in Brasilien auf ihn warten wird. Drei Monate vor dem grossen Wettkampf – zu dem übrigens Tausende von Zuschauern erwartet werden – wird das Wettbewerbsprojekt vorgestellt. Allerdings werden 30 Prozent der Aufgabe erst einen Tag zuvor bekanntgegeben. Was muss er denn in Brasilien genau machen? «Ich erhalte einen Plan und muss daraus einen Materialauszug erarbeiten. Beim Kreativteil könnte beispielsweise ein Handtuchradiator verlangt werden», mutmasst der junge Berufsmann. «Die Berechnung von Leistung und Rohrlänge könnten gefordert werden.» Zudem sei es möglich, dass eine Anlage in Betrieb zu nehmen sei.

Was ihm fehle, sei das Fachwissen im Heizungsbereich. In der Firma Tobler Haustechnik und Metallbau AG in Alt St. Johann, in der Michael Bösch seine Ausbildung zum Sanitärinstallateur genossen hat und heute noch dort arbeitet, hat er aber praktische Erfahrung in diesem Bereich sammeln können. Die Bearbeitung von Kupferrohren und das Löten seien in der Schweiz aus finanziellen Gründen nicht mehr so gefragt. Er benutzt die Werkstatt des elterlichen Geschäfts – diese führen in Nesslau einen Spenglerei- und Sanitärbetrieb – in seiner kärglich gewordenen Freizeit als Übungsgelände dafür.

Zum ersten Mal geflogen

In der Vorbereitung für die WorldSkills in São Paulo sieht Michael Bösch einige Vorteile. Zum einen kommt er dank dieser internationalen Treffen erstmals zum Fliegen. Denn nach Deutschland stehen weitere Trainings in Holland und England auf dem Programm. Beim Treffen in England geht es für die beiden Kandidaten des Inselstaates um das Ticket nach Brasilien. Michael Bösch hingegen kann diesen Anlass einfach dazu benutzen, wertvolle Wettkampferfahrungen zu sammeln. «Ich habe dank meines Berufes schon unzählige interessante Menschen im In- und Ausland kennengelernt», hält Michael Bösch, der sein Engagement in der Musikgesellschaft Nesslau-Neu St. Johann als willkommene Abwechslung bezeichnet, fest.

Werbung für den Beruf

Die WorldSkills Competitions finden vom 12. bis 15. August in São Paulo statt. Michael Bösch wird zusammen mit den restlichen Schweizer Kandidaten am 4. August in Kloten abheben. Damit bleibt etwas Zeit, sich vorzubereiten. Sein Chef, Arthur Tobler, lässt sich die Chance genauso wenig entgehen, vor Ort mitzufiebern, wie Eltern und Freundin, die ebenfalls nach Brasilien fliegen.

Die Alt St. Johanner Firma Tobler Haustechnik und Metallbau stellt seit 1998, als sie zum ersten Mal an Schweizer Meisterschaften der Gebäudetechnik teilnahm, bisher zwei Schweizer Meister, zwei Vizemeister und zwei weitere Meisterschafts-Teilnehmer. Mit Michael Bösch fährt nach Patrick Huser (2007) nun bereits der zweite Sanitärinstallateur an eine Weltmeisterschaft. Arthur Tobler sieht in diesem Wettkampf eine gute Werbung für den Beruf. «Beim Spitzensport gäbe es allerdings mehr Beachtung», bedauert er.