Wespen im Wintergewand

Brosmete

Astrid Zysset
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Die Wetterumschwünge der jüngsten Vergangenheit haben mir etwas aufs Gemüt geschlagen. An dem einen Tag ist es bis zu 20 Grad warm, am anderen muss das Eis von der Windschutz­scheibe gekratzt werden. Das geht auch an den Tieren nicht spurlos vorbei. Im Rollladen­kasten meines Balkons haben sich den Sommer über ein paar Wespen eingenistet. Diese finden vereinzelt auch den Weg in das Innere meiner Wohnung. Ist es warm, herrscht reges Treiben hinter meinen Vorhängen. Ist es kalt, wird es hingegen ruhiger. Die vergangene Zeit war es ein Auf und Ab: 20 hyperaktive an einem Tag, drei träge, kaum mehr in der Lage die Flügel zu ­bewegende Wespen nur gerade mal 24 Stunden später. Aber ­jeden Tag aufs Neue kann ich es nicht fassen, dass sie – trotz November – noch immer summend die Stille in meinen vier Wänden durchbrechen.

Dieses Wochenende habe ich meine kleinen Neffen eingeladen, meine Fenster mit einem Schneespray zu verzieren. Dazu gehört vor allem die Balkonfront. Und damit auch der Platz, an welchem sich die Wespen niederlassen und sich fragen, wann sie denn die ­falsche Abzweigung genommen hatten, da sie nun nicht draussen rumfliegen können und sich auch nicht in ihrem gemütlichen Nest befinden. Jetzt müssen sie in ­Deckung gehen vor künstlichem Schnee. Schwarz/Gelb könnte sonst urplötzlich zu glitzerndem Weiss werden. Kommen sie mit dem künstlichen Schnee in Berührung, dürften sie sich wohl abermals leicht verwundert ­hinter meinem Vorhang wiederfinden und sich fragen, wann sie dieses Mal wieder die falsche Abzweigung genommen hatten. Und: Das Summen könnte einem irritierten «Hä? Wie konnte das denn passieren?» weichen. Spätestens dann, wenn sie ihr Winterkleid in der Spiegelung des Fensters erblicken. Das würde mir aber ein Schmunzeln ins Gesicht zaubern. Und somit könnten die Wetterumschwünge meinem Gemütszustand ja doch noch zuträglich sein.

Astrid Zysset