Wer wägt, gewinnt

Fastenkolumne

Karin Erni
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Nur noch schnell ein «Angstbisi» machen. Das erleichtert, nicht nur psychisch, sondern auch physisch, denn heute zählt jedes Gramm. Der erste Waagetermin war ja beileibe keine schöne ­Erfahrung. Das Messgerät hatte trotz zahlreicher kulinarischer Entbehrungen kein Gramm weniger angezeigt als vor dem Fastenexperiment. Doch aufzugeben war keine Option, also habe ich neben dem Verzicht auf alles Zuckerhaltige zusätzlich das Bewegungspensum erhöht. Habe mich fast jeden Tag mit dem Velo den Hügel hinaufgequält und bin überall, statt den Lift zu benutzen, brav Treppen gestiegen.

Nun ist die Hälfte der Fastenzeit vorbei und eine erneute Erfolgskontrolle fällig. Gefühlt habe ich sicher ein bisschen abgenommen. Der Gürtel kann bereits ein Loch enger geschnallt werden und auch die Lieblingsbluse droht nicht mehr gleich aus allen Nähten zu platzen, wenn ich mich in sie hineinzwänge. Doch in unserer Welt zählen bekanntlich nur die Fakten. Jetzt stehe ich also vor der Waage und zögere. Nicht wirklich passend, ich weiss, aber genau jetzt kommt mir dieser ominöse Satz von Neil Armstrong (das war der Mensch, der als erster den Mond betreten hat) in den Sinn: «Dies ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein riesiger Sprung für die Menschheit.»

Während es dem grössten Teil der Menschheit wohl piepegal ist, was für ein Gewicht die Waage anzeigt, ist dieser Vorgang für mich von leidigen Erfahrungen geprägt. Die letzten Jahre hat sich mein Waagezeiger nur noch in eine Richtung bewegt, nämlich nach oben. Darum braucht dieser kleine Schritt so grosse Überwindung. Was wäre, wenn ich immer dicker und dicker würde und sie mich eines Tages mit dem ­Kranwagen aus meiner Wohnung ­hieven müssen? So, fertig abgeschweift und ab auf die Waage!

Erleichterung macht sich breit: Zwei Kilo habe ich verloren, immerhin. Nun ist mein Ehrgeiz aber erst richtig angestachelt. Bis Ostern sind es noch fast drei Wochen, da liegen doch locker nochmals zwei Kilo Gewichtsverlust drin. Ich suche nach Möglich­keiten, noch mehr Bewegung in meinen Alltag einzubauen. So ein ordentlicher Frühlingsputz verbrennt sicher ein paar zusätzliche Kalorien…

Karin Erni