Wer für alles offen ist, ist nicht dicht

Brosmete

Emanuel Steiner
Merken
Drucken
Teilen

Ich habe während der zweiten Etappe meines langjährigen Wandervorhabens «Latschi, om die halb Schwiz», einen Teil der östlichen Grenze erkundigt, um die internationalen Beziehungen zu vertiefen. Dabei stand unter anderem in Vordergrund, Gerichte aus der ganzen Welt zu kosten, wie zum Beispiel Wie­nerli, Hamburger, Florentiner Schnitzel, Toast Hawaii mit Sauce Hollandaise, griechischen Salat und Mohrenköpfe.

In einer Hütte nahe an Österreich, aber noch in der Schweiz traf ich auf Vater und Sohn aus Germany. Der Sohn war ein «Sprienzel» und der Vater hochnäsig, er war sicherlich 1,95 m lang und kompliziert wie das Lösen eines Rubik-Würfels. Er erzählte mir mit geschwellter Brust, dass sie beide den Weg über die Gamsluggen nicht gefunden hatten und somit auf unwegsamem Gelände auf 2300 Meter über Meer hinaufgekraxelt und auf dem Hosenboden über die Schafläger hinabgeschlittert seien. Ich sah ihn kopfschüttelnd an, verdrehte meine Augen und flüsterte ihm monoton ein dreifaches Bravo zu. Dass er mit mir nicht über Gott und die Welt reden konnte, hat er schnell begriffen, und so wandte er sich ab und folgte seiner glorreichen Idee, seine Bergschuhe am Brunnentrog zu waschen.

Punkt halb sieben gab es in der gemütlichen Stube das Nachtessen. Salat mit französischer Sauce, ungarisches Gulasch und ein kleiner Coupe Dänemark war das Menu. Da unser stetig umherschwirrender deutscher Helikopter auch während der Essenszeit nicht zur Ruhe kam, musste er natürlich in einer kleinen Wartezeit nach seinen Bergschuhen schauen. Kreidebleich betrat er nach einem kurzen Moment wieder das Stübli und erklärte mit aufgeregter Stimme, dass ein Schuh in den Brunnen gefallen sei, und fragte was er jetzt tun solle. Ich zückte natürlich meine «Appenzeller Zeitung» und sagte mit vollem Mund, dass er den triefenden Schuh doch ausstopfen solle. Dankbar stopfte er den Schuh und schlürfte danach weiter an seinem Weissbier und prahlte vor sich hin.

Am nächsten Morgen war der Schuh natürlich immer noch nass. Leider habe ich ihm verschwiegen, dass er von Zeit zu Zeit die Zeitung wechseln müsse, und gab ihm den weiteren Gratistipp, doch auch noch den anderen Schuh in den Brunnen zu tauchen. Dem fragendem Blick erwiderte ich, dass es angenehmer sei, mit gleichmässig nassen Schuhen auf die Schesaplana zu laufen als mit einem trocknen und einem nassen. Gleichzeitig zog ich die linke Augenbraue hoch, platzierte die Daumen unter die Rucksackträger und zog von dannen.

Emanuel Steiner