Wenn's im Bundeshaus blinkt

Bis am 27. September läuft im Bundeshaus die Herbstsession. Trotz hektischem Ratsbetrieb gewährte der Ausserrhoder Nationalrat Andrea Caroni unserer Zeitung einen Einblick in seinen Alltag. Ins Schwitzen brachte ihn vor allem sein Pager.

Patrik Kobler
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BERN. Im Bundeshaus herrscht am letzten Dienstag erstaunlich grosse Hektik. Es ist Session und die Parlamentarier hetzen durch die Gänge, wo sich auch Scharen von Besuchern auf ihrer Besichtigungstour tummeln. Auch der Ausserrhoder Nationalrat Andrea Caroni ist in Eile. Sein Pager blinkt. Er signalisiert ihm, dass im Saal abgestimmt wird. Aus allen Ecken und Enden stieben die Politikerinnen und Politiker zusammen. Nur wenige haben die Debatte im Rat aufmerksam mitverfolgt. Wer das Geschehen von der Besuchertribüne mitverfolgt, ist irritiert. Während am Rednerpult ein Nationalrat spricht, wird im Saal munter geplaudert, Zeitung gelesen oder wie sich die Landfrauen Wolfhalden später echauffieren, die neusten Facebook-Einträge gelesen.

Brunner hinauskomplimentiert

Obwohl die Session läuft, nimmt sich Andrea Caroni Zeit für die Besucher aus dem Appenzellerland; für den Journalisten ebenso wie für die Landfrauen. Sie lädt er nach Sitzungsende um 13 Uhr zu einem Treffen ein. Bevor er sie ins Sitzungszimmer führen kann, muss er noch Toni Brunner hinauskomplimentieren. Der SVP-Präsident ist nicht beleidigt, vielmehr begrüsst er die Landfrauen Wolfhalden charmant. Trotzdem meint eine keck: «Jetzt muss man lüften!»

Als Besucher ist man im Bundeshaus mit grosser Ehrfurcht unterwegs; das 1902 eingeweihte Parlamentsgebäude verströmt eine grosse Würde. Ausserdem bewegen sich darin all die Leute, die man aus den Medien kennt. So steigt ein älterer Mann in geduckter Haltung die Treppe hinauf: Es ist alt Bundesrat Christoph Blocher in Fleisch und Blut.

Auch die vier Parlamentarier aus dem Appenzellerland sind anwesend – neben Caroni sind dies Nationalrat Daniel Fässler (AI) sowie die beiden Ständeräte Hans Altherr (AR) und Ivo Bischofberger (AI). Sie nehmen sich sogar kurz Zeit für einen Schnappschuss, leider wird das Bild unscharf. Dann blinken auch schon wieder die Pager von Fässler und Caroni. Altherr und Bischofberger haben es besser. Im Ständerat herrschen andere Sitten, es gibt keine Pager. Wer nicht aufmerksam ist, verpasst die Abstimmung. In der kleinen Kammer geht es zudem beschaulicher zu und her. Plauderstündchen während der Debatte sind ebenso verpönt wie Laptops.

Das Bundeshaus als Theater

Allerdings: Die Hektik im Nationalratssaal kommt gemäss Andrea Caroni nicht von ungefähr. «Die Parlamentarier nehmen während der Session verschiedene Aufgaben war.» Sie nutzen die Zeit, um mit Ratskollegen, Journalisten, Lobbyisten oder Besuchern zu sprechen. Ausserdem sei der Pult im Ratssaal der persönliche Arbeitsplatz. Ein eigenes Büro steht den Parlamentariern nicht zur Verfügung. Wohl gibt es Sitzungszimmer, die sie nutzen können, diese müssen sie aber mit allen teilen. Sitzungen finden auch in der Wandelhalle statt. Caroni bezeichnet diese als Foyer, während der Nationalratssaal das Theater sei. Und tatsächlich haben die Räumlichkeiten Ähnlichkeiten mit einem Theater. Und Theater sei es gewissermassen auch, was sich im Saal abspiele, so Caroni. Die eigentliche Arbeit erfolge hinter verschlossenen Türen in den Kommissionen, erklärt er den Landfrauen. Was dort besprochen werde, bleibe der Bevölkerung in aller Regel verborgen. In den Kommissionen werden auch die Für und Wider gegeneinander abgewägt. Bevor die Parlamentarier im Saal vor Publikum die Klingen kreuzen, seien die Argumente längst ausgetauscht. Die Beratung im Nationalratssaal sei vor allem für die Öffentlichkeit.

Ein Votum hält der Ausserrhoder Nationalrat auch am vergangenen Dienstag. Worüber er spricht, ist auf der Besuchertribüne nicht zu verstehen, so schlecht ist die Akustik. Immerhin kann das Gesagte jeweils schon nach wenigen Minuten im Internet nachgelesen werden. Caroni setzte sich als Sprecher der Kommission für Rechtsfragen gegen eine parlamentarischen Initiative der SVP ein.

Der 33-Jährige gehört seit 2011 «mit grosser Begeisterung» dem Parlament an. Daneben arbeitet er noch 40 Prozent bei einer Anwaltskanzlei in Herisau. Im Vordergrund steht beim ehemaligen persönlichen Mitarbeiter von Bundesrat Hans-Rudolf Merz die Politik. Auf seine eigenen Ambitionen angesprochen, gibt er sich zurückhaltend. Er gibt aber zu verstehen, dass die Anforderungen an einen Bundesrat gross, «fast übermenschlich», seien. Dann muss er weiter, auch wenn kein Pager blinkt. Die Fraktionssitzung steht an.