Wenn Zufall auf Bereitschaft trifft

Für den vierfachen Olympiasieger Simon Ammann beginnt beim Weltcup in Klingenthal der nächste Karrierenabschnitt. Der Winter 2014/15 wird zur Saison mit vielen Unbekannten. Ausserdem reist der bald 34-Jährige erstmals als Vater zu den Wettkämpfen.

Urs Huwyler
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Simon Ammann wirkt vor der WM-Saison locker, entspannt und zuversichtlich. (Bilder: Urs Huwyler)

Simon Ammann wirkt vor der WM-Saison locker, entspannt und zuversichtlich. (Bilder: Urs Huwyler)

SKISPRINGEN. Der ins schwedische Falun ausgewanderte Wildhauser Walter Steiner freut sich auf Februar 2015. Dann findet praktisch vor seiner Haustüre die WM der Nordischen statt. Skisprung-Disziplinenchef Berni Schödler steht wegen der Optimierung der Infrastruktur schon längere Zeit in Kontakt mit dem Olympia-Zweiten von Sapporo 1972, der nicht im OK involviert ist. Seine frühere Frau Gunilla betreut den Bereich «Volontäre». Für Walter Steiner ist klar: «Es handelt sich um normale Schanzen, die einem Simon in Form liegen werden.»

Trainer Martin Künzle würde auf die Dienste des am 18. Dezember in die Schweiz und zehn Tage später nach Hause fliegenden Talkollegen zurückgreifen, wenn während der WM aus welchen Gründen auch immer irgendwelche Probleme auftauchten. «Es gibt uns eine gewisse Sicherheit, Walter vor Ort zu wissen, wenn beispielsweise improvisiert werden müsste», betont der Chefcoach.

Team- und Einzelkonkurrenz

Zuerst folgt am Wochenende der Weltcup-Auftakt mit einer Team- und Einzelkonkurrenz in Klingenthal (De). Für den vierfachen Olympiasieger und zweifachen Weltmeister beginnt sechs Autostunden von zu Hause entfernt die nächste Ära. Erstmals wird er als Vater durch die Welt reisen. Die Geburt von Théodore Mitte Oktober hat zwar für den Jungvater vieles verändert, aber Simon Ammann bleibt von Beruf Skispringer, möchte an der Weltspitze mitfliegen. «Ich bin bald 34 Jahre alt und muss speziell auf die Erholung achten.» 2014/15 ist das Programm der Vierschanzentournée weniger gedrängt, ermöglicht also mehr Ruhezeit.

Der Wendepunkt

Er wirkt im Büro der Sprunganlage Einsiedeln locker, entspannt, gelöst, zuversichtlich und realistisch. Im Sommer-GP kam der ehemalige Absolvent der Kantonsschule Wattwil nicht auf Touren, die Leichtigkeit des Fliegens wurde zur Knochenarbeit. So wie es 2013/14 immer wieder mal war. Das sich über drei Jahre hinziehende Dauerthema Olympische Spiele in Sotschi liess den Titelverteidiger letzten Winter nie richtig ankommen. «Das Jahr raste vorbei. Ich bin froh, dass wir in eine WM- und keine olympische Saison starten.»

Ein Erlebnis im Windkanal wurde zum Wendepunkt nach den unbefriedigenden Resultaten im Sommer. Simon Ammann beschreibt die Aha-Erkenntnisse mit: «Glück ist, wenn Zufall auf Bereitschaft trifft.» Im Windkanal könne länger «geflogen» werden als sonst und er habe die Chance bei den kostspieligen Tests nützen können. Eher zufällig hätten sich einzelne Erkenntnisse ergeben und er sei bereit und offen gewesen, die Details für sich aufzunehmen. Seither verlaufen die Sprünge wieder ruhig, die Automatismen und Weiten stimmen.

Optimistischer Trainer

Was an der Vierschanzentournée oder in Falun sein wird, wie stark die Springer aus Polen, Norwegen, Deutschland oder Slowenien sind, wie sich der Trainerwechsel in Österreich auswirkt, vermag zum jetzigen Zeitpunkt niemand zu sagen. Realist Martin Künzle gibt sich optimistisch. «Simon wirkt ruhig, entspannt und bereit. Zuletzt sprang er im Training stark.»

Für einmal brauchte das eingespielte Duo nicht auf grosse technische Veränderungen einzugehen. Neu muss die Schale und Polsterung der Helme Kopf und Ohren vollständig bedecken, die Form der Anzüge wurde leicht gelockert, um den Springern dank der Balance zwischen Aerodynamik und Athletik ein besseres Fluggefühl und eine sicherere Landung zu ermöglichen. «Die technischen Anpassungen sind minimal, erforderten keine Umstellung des Trainings. Für Simon», sagt Martin Künzle, «sollte sich die Änderung speziell bei der Landung positiv auswirken.»

Familie kein Thema

Aktuell wird der seit 2010 verheiratete Simon Ammann ebenso oft auf die vier Jahre jüngere Frau Yana und die Familie angesprochen, doch das Privatleben bleibt privat. Schnell wird klar: Vater und Mutter Ammann-Yanovskaya fühlen sich wie weniger prominente Bürger und Bürgerinnen nach der Geburt glücklich und dankbar, dass es allen gut geht. «Und wenn ich unterwegs Fragen habe, kann ich ja Martin als erfahrenen Vater fragen», fügt Simon «Simi» Ammann herzhaft lachend an.

So locker und stressfrei wirkte der Weltsportler vor einem Saisonstart lange nicht mehr. Ob er als Vater weniger Risiken eingehen, bei schwierigen Bedingungen mit leicht angezogener Handbremse springen werde, vermöge er nicht zu sagen. «Als Sportler geht es immer wieder einen Schritt nach oben. Erste Erfolge stellen sich ein, die Ziele werden höher gesteckt, das Medieninteresse und die Erwartungshaltung steigen, die persönliche Entwicklung geht weiter. Jetzt folgt ein neuer Abschnitt. Darauf freue ich mich.»

Rückkehr ins Tal

Sätze wie «Ich habe nichts zu verlieren» oder «Ich muss niemandem mehr etwas beweisen» sollten im Zusammenhang mit dem Toggenburger nicht verwendet werden. Er will sich beweisen, dass er aufs Podest springen kann. Ob es die letzte Saison werden könnte? Das wird sich ergeben. In die Churfirsten gemeisselt steht, dass Simon Ammann nach seinem Rücktritt in die Heimat zurückkehren und sich für die Entwicklung des Tals einsetzen möchte. «Über gewisse Projekte habe ich mir schon Gedanken gemacht. Es gibt Möglichkeiten, etwas zu bewegen», ist er überzeugt.

Trainer Martin Künzle und Simon Ammann sind als eingespieltes Duo unterwegs.

Trainer Martin Künzle und Simon Ammann sind als eingespieltes Duo unterwegs.