«Wenn man alleine ist, hat man nicht immer viel zu lachen»: Wie eine Herisauer Seniorin mit dem Leben in der Isolation zurechtkommt 

Wer zur Risikogruppe gehört, soll zu Hause bleiben. Wie gehen alleinstehende Rentnerinnen und Rentner mit der Situation um? 

Alessia Pagani
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Nachdem Turnlektionen, Erzählcafé, Sonntagscafé, Glückskafi und der Mittagstisch weggefallen sind, bleibt Rosmarie Bolliger nicht mehr viel. Ein Lichtblick sind die Gedächtnisaufgaben, die sie nun per Post erhält.

Nachdem Turnlektionen, Erzählcafé, Sonntagscafé, Glückskafi und der Mittagstisch weggefallen sind, bleibt Rosmarie Bolliger nicht mehr viel. Ein Lichtblick sind die Gedächtnisaufgaben, die sie nun per Post erhält.

Bild: PAG

Rosmarie Bolliger hat die Coronakrise kalt erwischt. Eigentlich hatte die rüstige Herisauerin für Anfang März zum Geburtstagsfest geladen. Aber nicht zu irgendeinem Geburtstag, sondern zu ihrem 80. 22 Personen hätten kommen sollen. Obwohl Veranstaltungen mit weniger als 100 Personen noch erlaubt waren und die Restaurants noch geöffnet hatten, sagten aber schliesslich über zehn Personen ab – für Bolliger nicht nachvollziehbar. Bolliger wollte sich damit nicht abfinden. 

«Ich war traurig. Dann wird man einmal im Leben 80 und soll nicht feiern dürfen?»

Die Enttäuschung und das Unverständnis sind bis heute nicht verpufft. Kritisch betrachtet sie die massive Berichterstattung über die Coronakrise. Bolliger spricht von Angstmacherei. Sie wünscht sich:

«Die Medien könnten sich manchmal humaner ausdrücken.»

Sie selber hat, obwohl sie zur Risikogruppe gehört, keine Angst vor der Krankheit. «Aber eine gesunde Portion Respekt schon. Doch wenn es mich erwischt, dann ist es so. Ich hatte ein schönes und langes Leben und irgendwann muss ich sowieso gehen», sagt sie. Das Geburtstagsfest hat sie sich denn auch nicht nehmen lassen. Vier Nachbarn haben mitgefeiert. «Es hatte für mich eine grosse Bedeutung.»

Besuch bleibt erwünscht

Bolliger ist alleinstehend, der Mann vor einigen Jahren verstorben. Mittagstisch, Sonntagscafé, Glückskafi, Erzählcafé, Turnlektionen, das Gedächtnistraining – all diese Aktivitäten der Pro Senectute fallen für sie wegen der Coronapandemie nun weg. Ein Lichtblick für sie ist dieser Tage, dass sie die Aufgaben des Gedächtnistrainings per Post erhält. «Mir bleibt ansonsten buchstäblich nichts mehr», sagt Bolliger.

Rosmarie Bolliger hält sich so gut es geht an die bundesrätlichen Anweisungen. Das Haus verlässt sie kaum mehr. «Es ist nicht einfach, so lange und immer zu Hause zu bleiben. Aber was bleibt mir anderes übrig», sagt sie. Abwarten und auf eine schnelle Besserung hoffen, das sei ihre Devise. Die Zukunft macht Bolliger mehr Sorgen als das Virus selber:

«Wegen der Angst und weil ihnen die Decke auf den Kopf fällt, werden in der älteren Bevölkerung psychische Erkrankungen und Depressionen ansteigen.»

Auf Besuche möchte Bolliger nicht verzichten. Den Wintergarten hat sich die ehemalige Quisisana-Heimleiterin so hergerichtet, dass sie sich doch noch mit Freunden zum Skip Bo treffen kann. «Das sollte ja schon noch gehen. Ich habe extra zwei Meter Platz zwischen den Stühlen gelassen.» Doch die Stühle bleiben oft leer – Besuch bekommt Bolliger dieser Tage selten. Noch fühlt sie sich nicht alleine. Die Kinder telefonieren regelmässig, was in dieser Zeit wichtiger denn je sei. Mit dem Haushalten sei man schliesslich irgendwann durch. Und: 

«Den ganzen Tag fernsehgaffen kann ich auch nicht, vor allem bei diesem Programm.»

Bolliger wünscht sich, dass jetzt mehr Rosamunde-Pilcher-Filme gezeigt würden und nicht immer und auf allen Kanälen Sendungen über die Coronakrankheit, deren Verbreitung und die Todesopfer. Man habe es irgendwann gesehen, sagt sie.

Handy und Telefon sind unverzichtbar

Rosmarie Bolliger möchte in dieser Isolation ein technisches Helferlein nicht missen: Das Handy. Es ist das wichtigste und beste Hilfsmittel für die Rentnerin, um mit der Aussenwelt in Kontakt zu treten. «Zum Glück habe ich das Handy. Dort bekomme ich täglich Nachrichten.» Vor allem über Filmchen, Sprüche und Bilder freut sich Bolliger.

«Nicht selten sitze ich dann zu Hause und muss laut lachen. Wenn man alleine ist, hat man nicht immer viel zu lachen.»

Etwa 15 Nachrichten bekommt Bolliger täglich. «Es ist super, dass man mit Handy und Telefon den Kontakt nach aussen aufrechterhalten kann.» Gerade für Ältere sei das Smartphone wichtig. «Nicht alle kommen mit dem Computer zurecht.» Bolliger selber hat keine Problem damit. «Gerade jetzt bin ich darüber froh.»

Die aktuelle Situation bezeichnet sie insgesamt als «seltsam». Was man aber merke, sei die Nachbarschaftshilfe.

«Die Leute bieten sich selber an, nach Hilfe fragen muss ich nicht. Ich bin froh, dass ich so gute Menschen um mich herum habe.»

Die nachbarschaftlichen Kontakte seien trotz Coronakrise sogar noch mehr geworden. «Dafür bin ich dankbar», sagt sie. Die fehlende soziale Interaktion wird Rosmarie Bolliger noch eine Zeit lang beschäftigen – gerade auch weil sie so aktiv ist und noch mitten im Leben steht. Die abendlichen Gespräche mit der Nachbarin – mit 2 Meter Abstand – werden dabei zumindest ein wenig helfen. «Es ist für uns alle keine einfache Situation, aber wir schaffen das», sagt sie.

«Die soziale Isolation macht krank»

Der Bund appelliert daran, nur das Haus zu verlassen, wenn es dringend notwendig ist. Dies trifft vor allem ältere Personen hart. Markus Gmür, Geschäftsleiter der Pro Senectute AR, über die soziale Isolation und eine drohende Vereinsamung.