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Wenn Hirsche sich suchen und finden: Auf Brunftbeobachtungstour in Appenzell Innerrhoden

Die Brunft der Rothirsche ist im Gange. In Appenzell Innerrhoden können Interessierte diese beobachten.
Astrid Zysset

Das Röhren ist von weitem zu hören. Es hallt durch den Wald. Immerzu durchbricht es die Stille und lässt erahnen, wo die Hirsche sich gerade befinden. Zu sehen sind sie jedoch nur von weitem. Oben auf der Grueb tummelt sich ein Stier mit sieben Weibchen. Er ist umtriebig damit beschäftigt, sie zu einer kompakten Gruppe zusammenzutreiben. Er wittert, welche einen Eisprung hat und hält immer wieder Ausschau, ob ein anderes Männchen in der Nähe ist. Weiter unten Richtung Weissbach ist das Röhren eines solchen zu hören. Zur Begegnung soll es kurze Zeit später denn kommen: Beide Männchen steuern aufeinander zu, eruieren, welches das Stärkere ist, indem sie parallel nebeneinander herlaufen. Zum Kampf kommt es aber an diesem Abend nicht. Einer dreht ab und gesteht somit seine Niederlage ein.

Beobachtet wird dieses Spektakel aus sicherer Entfernung von der rechten Seite des Weissbachtals aus. «Wagt man sich zu nahe an die Tiere heran, ziehen sie sich zurück», sagt Innerrhodens Jagd- und Fischereiverwalter Ueli Nef. Er ist es, der an diesem Sonntagabend eine Gruppe Interessierter im Rotmoos zum geeigneten Beobachtungspunkt führt und den rund 40 Teilnehmenden Wissenswertes über die Rothirsche vermittelt. Organisiert wird die Brunftbeobachtung von Appenzellerland Tourismus und der Jagdverwaltung Appenzell Innerrhoden. Dies, um einerseits den Hirsch bekannter zu machen. – «Man schützt nur, was man auch kennt», so Nef. Und andererseits um die Sensibilisierung zu schärfen. Um das Brunftverhalten zu begutachten, wagen sich viele Personen zu nahe an die Tiere heran und stören so die Paarung. Wird die Brunft aber gestört, kann sich diese in die Länge ziehen und die Hirsche haben nicht ausreichend Zeit, um sich auf den kommenden Winter vorzubereiten.

Eine anstrengende Zeit für die Männchen

Treffpunkt für die Teilnehmergruppe ist der Waldgasthof Lehmen. Der Fussmarsch zum Brunftbeobachtungspunkt dauert 30 bis 40 Minuten und führt über reguläre Wanderwege beziehungsweise über eine Waldstrasse. Kurz vor dem Ziel stellt sich Ueli Nef auf ein paar abgeholzte Baumstämme und referiert über die Fortpflanzung der Hirsche. Darüber, dass die Hirschkuh den Stier aussucht, dass die Tageslichtlänge die Brunft auslöst, die Tragzeit rund 34 Wochen dauert und dass der Stier bis zu 30 Prozent seines Körpervolumens während der Brunft verliert. Dermassen anstrengend ist dies für ihn. «Das Männchen hat richtig viel Stress», bringt es Nef auf den Punkt.

Der vergangene Sonntagabend ist für diese Jahreszeit ungewöhnlich warm – es herrscht beinahe T-Shirt-Wetter. Eigentlich keine idealen Bedingungen, um die Brunft zu beobachten, so der Jagdverwalter. Hirsche haben es gerne nasskalt. Trotzdem: Das Röhren ist bereits von den Baumstämmen aus zu hören, noch bevor der Blick auf die Grasflächen auf der anderen Talseite die Anwesenheit der Tiere auch tatsächlich offenbart.

Am Beobachtungspunkt angekommen stellt Ueli Nef ein Spektiv auf. Dieses können die Teilnehmenden nutzen, um die Tiere zu beobachten. Die meisten zücken aber ihr selbst mitgebrachtes Fernglas aus der Jackentasche. Ohne die visuelle Vergrösserung wird das Beobachten der Hirsche schwierig. Perfekt getarnt bewegen sie sich durch die abendlichen Schatten, die am Waldrand und durch die Gebirgsformationen auszumachen sind. Ab und an blicken sie in Richtung der Gruppe um Ueli Nef. Doch jener versichert, dass man sich hier am besten und schonendsten Standort befindet, um die Brunft zu beobachten. Die Hirsche würden die Anwesenheit der Menschen in dieser Entfernung zwar wahrnehmen, fühlen sich jedoch nicht gestört.

Immer auf den gleichen Plätzen zu sehen

Ein sogenannter «Platzhirsch» schart bis zu 20 Kühe um sich herum. Ueli Nef kennt einige der Hirsche, die sich im Jagdbanngebiet Säntis, zu welchem das Weissbachtal gehört, zur Brunft einfinden. Diese Tiere werden jährlich kartiert. «Der Hirsch bevorzugt die Weite der Wiesen und offene Landschaften. Im Wald ist er eigentlich nicht so gerne», so Nef weiter. Jedes Jahr kommen die Tiere zu ihren bekannten Brunftplätzen zurück. Die Brunft selbst dauert in der Alpenregion jeweils von Mitte September bis Mitte Oktober. Im Weissbachtal erreichte die Brunft letztes Jahr am 24. September ihren Höhepunkt. Heuer sind die Hirsche etwas später dran, so Nef.

Dass so viele Hirsche im Weissbachtal gesichtet werden, liegt daran, dass dieses Teil des eidgenössischen Jagdbanngebietes ist. Es wurde aufgrund des ersten eidgenössischen Jagdgesetzes 1876 installiert. Gemeinsam mit dem ersten Forstgesetz aus jener Zeit gelang es auf diese Weise, die Wildtierbestände und deren Lebensräume besser zu schützen. Zuvor nahm man darauf wenig Rücksicht. Das hatte Folgen: Der Hirsch und der Steinbock waren damals bereits komplett aus der Schweiz verschwunden, die Bestände der Gämse und Rehe hatten sich arg dezimiert. Durch die Gesetzesänderung kamen die Tiere jedoch in die Wälder zurück. 1912 wurde wieder der erste Hirsch im Engadin geschossen, 1962 war es im Appenzellerland soweit.

Die nationalen Jagdbanngebiete umfassen insgesamt eine Fläche von zirka 150000 Hektaren. In diesen Gebieten war lange Zeit das Jagen strikt untersagt. Die Tiere bekamen somit einen Rückzugsort, in welchem sie sich ungestört wieder vermehren konnten. Die Rückkehr der Hirsche geschah gebietsweise sehr unterschiedlich. Als die Bestände in Appenzell Innerrhoden anwuchsen, kam es zu Konflikten mit der Land- wie auch der Forstwirtschaft. Der Hirsch gilt allgemein als Schädling, der Bäume zerstört und den Bauern das Gras wegfrisst. Wie sollte sich die Situation entschärfen lassen? Mit dem Wald- und Hirschkonzept, welches Waldbesitzer, Landwirte und Jäger in die Pflicht nimmt, wurde 2017 eine Jagd auch innerhalb des Jagdbanngebietes zugelassen. In Innerrhoden bedeutet dies für das Jagdbanngebiet einen Abschuss von 40 Rotwild-Tieren pro Saison.

Zu vorgerückter Stunde wird es immer schwieriger, die Hirsche auf der Grueb auszumachen. Die Zeit des Aufbruchs, um zurück zum Waldgasthaus Lehmen zu wandern, ist gekommen. Das Röhren jedoch hallt weiter. Und es begleitet die Teilnehmenden noch lange beim Gang durch den eindunkelnden Wald.

Hinweis

Diesen und nächsten Sonntag organisiert Appenzellerland Tourismus erneut Brunftbeobachtungstouren. Treffpunkt ist um 17 Uhr beim Waldgasthaus Lehmen. Eine Anmeldung ist nicht notwendig. Der Unkostenbeitrag beträgt zehn Franken pro Person.

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