Wenn der Karren läuft

Der 80jährige Alois Oberlin war ein Mann der ersten Stunde, als es um die Gründung eines Fahrdienstes für Behinderte und Betagte im Toggenburg ging. Die Leute kennen ihn als «Vater» von Tixi Toggenburg.

Martina Signer
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Alois Oberlin hat die Betriebsführung von Tixi Toggenburg zwar abgegeben, wird aber immer noch um Rat gefragt. (Bild: Martina Signer)

Alois Oberlin hat die Betriebsführung von Tixi Toggenburg zwar abgegeben, wird aber immer noch um Rat gefragt. (Bild: Martina Signer)

WATTWIL. Alois Oberlin öffnet die Tür und geleitet seinen Besuch sofort in sein Büro. Auf dem Bildschirm am Computer sind die aktuellen Fahreinheiten dieser Woche zu sehen. «Es läuft gerade nicht so viel», sagt Oberlin und erklärt, dass im Moment halt Ferien seien. Sofort klickt er sich für einen direkten Vergleich im Dispositionsprogramm in eine Woche vor den Ferien und schon ist der Bildschirm übersät von verschiedenen, farbigen Blöcken, welche die Fahreinheiten von Tixi Toggenburg in ihre jeweiligen Bereiche unterteilen. Es sind fest eingeplante Fahrten, die jede Woche oder sogar jeden Tag stattfinden oder solche, die ganz spontan hinzugekommen sind.

Alois Oberlin hat sein Amt, die Betriebsführung von Tixi Toggenburg und seinen Sitz im Vorstand zwar abgegeben, doch er wird noch immer gerne um Rat gefragt. «Das wird sich wohl auch noch nicht so schnell ändern», meint er schmunzelnd.

Nachfrage wurde immer grösser

Mit 80 Jahren geht dem pensionierten Uhrenmacher die Arbeit am Computer zwar nicht ganz so schnell von der Hand, wie es vielleicht bei seinen Enkeln der Fall wäre. Das heutige Programm, vor rund zwei Jahren durch Jack Fehr injiziert, brachte zusätzliche Arbeit bei Alois Oberlin. Doch er sagt: «Ich war eigentlich immer derjenige, der in den 25 Jahren, seit es Tixi Toggenburg gibt, ständig noch mehr Arbeit heranschaffte.»

Ein Präsident des gemeinnützigen Vereins Tixi Toggenburg habe mal gesagt, es gebe drei Fahrzeuge für den Fahrdienst, mehr nicht – mittlerweile sind es auf Initiative von Alois Oberlin deren sieben. «Die Nachfrage wurde aber auch immer grösser», verteidigt er sich schon fast. Waren es vor 25 Jahren noch 31 000 Kilometer, welche Tixi Toggenburg pro Jahr zurücklegte, sind es heute 380 000. «Ja, der Karren läuft.» Derzeit sind rund 45 Fahrer für Tixi Toggenburg unterwegs, die sich sozial engagieren wollen. Das war damals auch ein Beweggrund von Alois Oberlin. «Ich war gut vernetzt in Wattwil und der Region und wollte dies nutzen, um etwas Gutes zu tun», erzählt er.

Fahrdienst statt Lift

Ins Rollen gekommen ist der Fahrdienst, da vor dessen Gründung eigentlich ein Lift vom Dorf zum Alters- und Pflegeheim Risi geplant und sogar von der Bürgerschaft gutgeheissen worden war. Doch vor dem Bau wurde ein Rückkommensantrag gestellt und das Projekt abgeblasen, weil es auf zu grossen Widerstand gestossen war.

Wie aber sollte man nun die Betagten vom «Risi» zu ihren Terminen bringen? Die Idee eines Tixi Toggenburg kam dann schliesslich von dem Wattwiler Schulratspräsidenten Hans Isenring, der als Fahrer bei Tixi Zürich tätig war. Mit Bettelbriefen an Pro Infirmis, Pro Senectute und weitere Institutionen, sowie an die einheimische Industrie, das Gewerbe und Private kam ein Betrag von 80 000 Franken zusammen, und so konnte Tixi Toggenburg ins Leben gerufen werden. «Eigentlich noch interessant», so Oberlin, «dass das erste Fahrzeug, ein Ford Transit, vom jetzigen Präsident des Vereins an uns übergeben wurde.» Jack Fehr, der Tixi Toggenburg derzeit präsidiert, arbeitete bei der damaligen SBG (heute UBS), welche das erste «Tixi-Taxi» gesponsert hat. Jack Fehr ist einer von fünf Präsidenten, unter denen Alois Oberlin im Vorstand und als Betriebsleiter tätig war. Und alle sagten immer das Gleiche zu ihm: «Dich zu ersetzen, das wird keine leichte Aufgabe.»

Alles im Kopf gespeichert

Deshalb hat sich Alois Oberlin auch entschlossen, seinen Rücktritt frühzeitig anzukünden. Er wäre mit seinen 80 Jahren eigentlich noch fit genug, seine Aufgaben auch weiterhin auszuführen, aber sollte es ihm gesundheitlich plötzlich schlechter gehen, hätte man sofort einen Ersatz für ihn finden müssen. Seine Aufgaben sind nun auf mehrere Leute verteilt. «Alles was ich weiss, ist hier oben abgespeichert», sagt Alois Oberlin und tippt sich an die Schläfe. Das könne man nicht einfach alles zu Papier bringen, deshalb stehe er dem Tixi Toggenburg auch weiterhin bei Fragen zur Verfügung.

Alois Oberlin ist nun zwar nicht mehr offiziell für den Tixi Toggenburg zuständig, Geschäftsführer des Vereins für Behindertenfahrdienste des Kantons St. Gallen bleibt er aber. Die Gründung dieses Dachverbandes wurde nötig, als die Subventionierung solcher Fahrdienste 2004 vom Bund an die Kantone überging. Dem Verband gehören nun die Tixi-Organisationen des ganzen Kantons an, Ansprechpartner für alle Organisationen und Bindeglied zwischen den Fahrdiensten und dem zuständigen Amt des Kantons ist und bleibt vorläufig Alois Oberlin.

«Feuerwehr» gespielt

Seit der Gründung von Tixi Toggenburg bis jetzt, 25 Jahre später, haben sich die Aufgaben von Alois Oberlin nicht wesentlich verändert. «Die Organisation wurde einfach an sich grösser», sagt er. Als Fahrer war er nie zuständig, doch «es gab ein paar Feuerwehrübungen», wo er mit seinem Privatauto eingesprungen ist, wenn ein Fahrer einmal nicht aufgetaucht ist. «Das ist in 25 Jahren aber nur eine Handvoll Male vorgekommen.» Ja, der Karren läuft tatsächlich und wird es auch weiterhin mit einem mit Rat und Tat zur Seite stehenden Alois Oberlin tun.

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