Wenn das Herz dagegen ist

Seit dem Jahr 2013 ist die Zwangsheirat ein Straftatbestand in der Schweiz. Dennoch werden noch immer verbreitet Zwangsheiraten geschlossen. Ein neuer Flyer soll nun im Kanton Appenzell Ausserrhoden Aufklärungsarbeit leisten.

Karin Erni
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Isabelle Dubois, Veronika Longatti und Monika Kohler mit den neuen Informationsflyern, die in zwei Formaten erhältlich sind. (Bild: ker)

Isabelle Dubois, Veronika Longatti und Monika Kohler mit den neuen Informationsflyern, die in zwei Formaten erhältlich sind. (Bild: ker)

AUSSERRHODEN. Isabelle Dubois, Leiterin Fachbereich Gleichstellung des Kantons, Organisationsberaterin Veronika Longatti und Sozialarbeiterin Monika Kohler von der Stiftung Opferhilfe stellten gestern den druckfrischen Flyer mit dem Titel «Ich habe das Recht zu entscheiden» vor. Er soll von einer Zwangsheirat Betroffenen und ihrem Umfeld die rechtliche Situation erklären und Möglichkeiten aufzeigen, wo und wie sie Beratung und Hilfe finden können. Die Flyer werden durch Ärzte, Fach- oder Beratungsstellen abgegeben und sind in deutscher Sprache abgefasst. Unter der Adresse www.gegen-zwangsheirat.ch ist zusätzlich ein Merkblatt in den zwölf wichtigsten Sprachen zu finden.

Wo fängt Zwang an?

Es existieren verschiedene Zwangssituationen in Zusammenhang mit Partnerschaft, Heirat oder Scheidung. Bereits junge Menschen können im Vorfeld einer Verheiratung durch ihre Familien massiv unter Druck gesetzt werden, einen bestimmten Partner aus dem eigenen Kulturkreis zu heiraten. Eine Heirat gegen den Willen eines oder beider Partner verstösst gegen die Menschenrechte und kann zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden. Den Schuldigen droht eine Strafe bis zu fünf Jahren Gefängnis. Als Zwangsehe gilt auch, wenn die Ehe ursprünglich freiwillig geschlossen wurde, die Partner aber später gegen ihren Willen gezwungen werden, sie aufrechtzuerhalten.

Verbreitetes Problem

«Zwangsheiraten sind zwar bei uns kein Massenphänomen, aber auch keine Einzelfälle», sagt Veronika Longatti. Gesamthaft seien in der Schweiz in den Jahren 2012 und 2013 rund 1400 Fälle festgestellt worden. Bei Schweizern ohne Migrationshintergrund kämen Zwangsheiraten äusserst selten vor, am ehesten noch im Umfeld von streng religiösen Gruppierungen. «Die meisten meiner Fälle betreffen Immigranten aus Balkanstaaten, der Türkei, dem Mittleren Osten, Afrika oder Sri Lanka», ergänzt Monika Kohler. Betroffen seien Frauen und Männer, doch Frauen nähmen eher Beratung in Anspruch. Unter den Folgen einer Zwangsehe leide nicht nur das betroffene Paar, sondern auch dessen Kinder. Wer vermutet, eine Mitschülerin, eine Mitarbeiterin oder Freundin könnte zu einer Heirat gegen ihren Willen gezwungen werden, sollte aktiv werden. Monika Kohler rät aber, ausser in Notfällen, nicht voreilig zu handeln und zuerst bei einer Fachstelle Rat zu suchen. «Die Beratung bei der Opferhilfe ist kostenlos. Wir stehen unter Schweigepflicht und beraten auf Wunsch auch anonym.» Man sei auch bereit, für eine Beratung an den Arbeitsplatz oder in die Schule zu kommen, wenn dies von den Betroffenen gewünscht werde. Bei Bedarf würden Dolmetscher beigezogen.

Netzwerk gegen Zwangsheirat

Das Netzwerk gegen Zwangsheirat Appenzell Ausserrhoden <<ZARtwerk» ist ein Projekt, welches im Rahmen des Bundesprogramms zur Bekämpfung von Zwangsheiraten in Zusammenarbeit mit dem eidgenössischen Büro für Gleichstellung von Frau und Mann durchgeführt wurde.

In vier Netzwerktreffen haben Fachleute aus 15 verschiedenen Bereichen ihre Zusammenarbeit intensiviert und verbessert. Dank diesem tragfähigen und nachhaltigen Netzwerk soll den Betroffenen künftig noch schneller und gezielter geholfen werden können.