Wenn das Dorf zur Sauna wird

Brosmete

Patrik Kobler
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Diesen Silvester sind wir zu Hause. So wie früher. Das heisst, am Morgen früh im Bett liegen, die Ohren spitzen und horchen, ob man irgendwo schon die Silvesterchläuse hört. Dann raus aus den Federn und im Laufschritt ins Dorf. Schliesslich will man ja nichts verpassen. Im Dorf, ach wie herrlich, tausend Leute. Einheimische, Auswärtige, solche, die man schon lange, lange nicht mehr gesehen hat. «Hoi, wie goht’s?» «S Johr isch schnell ume, momol.»«E guets Neus.» «En guete Ruetsch.» Und allenthalben wird gerätselt, wo es wohl am meisten Chläuse zu sehen gibt. Bloss scheinen die irgendwo anders unterwegs zu sein: in St. Gallen, Zürich oder Basel. Bloss nicht im Dorf. Und wenn doch, bewegen sich die Menschen dorthin, wo die Schellen zu hören sind. Fast so, wie in der gemischten Sauna, wenn sich eine knackige Junge vom Liegestuhl in die Schwitzhütte begibt. Völkerwanderung. In der Menschentraube sind die Positionen klar verteilt. Unmittelbar bei den Chläusen der Geschäftsbesitzer mit dem Glühwein. Dann die gezückten Handys und die Fotografen sowie die Auswärtigen, die sich murmelnd über den eigenartigen Brauch unterhalten. Hinten die Einheimischen, die «Pssst…» machen, weil sie doch die Zäuerli hören möchten. Meistens bekommt man im Dorf vom Silvesterchlausen nicht viel mit. In diesem Jahr hat sich die Gemeinde aber etwas einfallen lassen und im Alten Zeughaus ein Ausstellung organisiert. Wenn draussen nicht viel läuft, kann man Hauben anschauen, beim Nähen zuschauen oder im Beizli einen Kafi trinken. Vielleicht trifft man sich ja dort. Und wenn nicht: «E guets Neus!»

Patrik Kobler