Weiterziehen und Aufbauen

Seit gestern steht die Ledi – die Wanderbühne in Teufen. Der Aufbau der über 30 Tonnen schweren Holzkonstruktion ist ein Zusammenspiel von Handwerken, Architekt und Künstlern.

Alexa Scherrer
Merken
Drucken
Teilen

TEUFEN. Auf den ersten Blick sieht der Platz vor dem Zeughaus flach aus; auch auf den zweiten. Wie gemacht, um hier die Ledi-Wanderbühne aufzustellen. «Wir haben aber Höhenunterschiede von bis zu 20 cm», sagt Projektleiter Hannes Göldi. In Herisau seien es sogar 90 cm gewesen.

Begegnungen auf, unter und neben der Ledi sind nicht förmlich, nicht steif, sie sind unkompliziert. So sind auch alle, die vor und hinter den Ledi-Kulissen mithelfen. Was nicht passt, wird passend gemacht. Damit der Bühnenboden gerade ist, muss die Konstruktion jeweils zugesägt werden. «Anreissen», also anzeichnen, muss man das Holzelement und dann «abbinden», mit der grossen Fräse abschneiden.

Aufbau mit gewisser Routine

Die Stimmung ist nicht hektisch, aber emsig an diesem Dienstagmorgen, vielleicht schafft man es, vor dem Regen fertig zu sein. Vielleicht schont es sogar bis nach 17 Uhr, bis zum kleinen Aufrichtefest, das es an jedem Standort gibt und zu dem Hannes Göldi jeweils einige Flaschen Bier und Nussgipfel bringt.

«Wir bauen die Ledi zum fünften Mal auf, eine gewisse Routine ist schon entstanden», sagt Göldi. Die grösste Herausforderung sei es, das erste Element bestehend aus zwei Seiten-, einem Dach- und einem Bodenteil zu stellen. «Dafür brauchen wir immer am längsten, weil die Stabilität noch fehlt», erklärt Hannes Göldi.

«Wir», das ist kein eingespieltes Team. Bei Auf- und Abbau immer dabei sind Mitarbeitende von Mettler Holzbau, welche die Ledi nach den Vorgaben von Architekt Ueli Frischknecht gebaut haben. Zum inneren Kern gehört auch Samuel Signer, Zivilschutzkommandant des Appenzeller Mittellandes. Im «rollenden Wechsel» helfen fünf bis sechs Zivilschützer mit. «Die müssen zwingend vom Bau kommen», sagt Signer. Zimmermänner seien es, Schreiner, Maurer und Poliere.

«Appenzeller World Fair»

Einen Tag später steht das Gerüst der Ledi, bedeckt vom Stoffdach, das der in Gais lebende Künstler Albert Oehler gestaltet hat. Architekt Ueli Frischknecht steht darunter und stösst mit einem langen Stab das angesammelte Wasser vom Dach. Es regnet in Strömen. Hannes Göldi hievt Teile der Sefar-Bar, die unter den Bühnenbrettern zu stehen kommt, aus einem Lastwagen. Der Regen tropft vom Haaransatz, seine Brillengläser laufen an, als er sich im Zeughaus einen Espresso aus der Maschine lässt und die übriggebliebene Hälfte eines Gipfelis isst. Das nasse Wetter ist er gewohnt, auch in Herisau, Appenzell und Urnäsch hat es beim Aufbau geregnet.

Im Zeughaus-Büro sitzen Kurator Ueli Vogt und eine Gruppe Kulturschaffender beim Kaffee. Emanuel Geisser klaubt ein Kägi-fret aus einer grossen Schachtel. Der in Berlin lebende Künstler ist in Gais aufgewachsen und stellt in Teufen unter der Ledi im «Schopf» aus, dem Ausstellungsraum unter der Bühne, der an jedem Standort neu bespielt wird.

«Vergessene Museen – Appenzell World Fair» lautet diesmal der Titel. Geissers Idee dahinter: Nicht nur das Appenzellerland stellt sich aus, sondern auch die Welt im Appenzellerland. Scheint, als habe er den Nerv der Ledi-Besucher getroffen. «So klein ist die Welt, dass sie sich im Appenzellerland spiegeln kann», lautet einer der Einträge im Rucksackbuch, welches an jedem Standort aufgelegt ist und Bilder, Eindrücke, Reden oder Baupläne dokumentiert.

Für Geisser sei klar gewesen, dass er nichts typisch Appenzellisches zeigen möchte. «Das ist sowieso immer vor der Nase». Der Appenzeller Bezug sei die Herkunft der sechs Künstler, dessen Werke er ausstellt. «Appenzell ist in uns drin, das geht nie verloren. Unsere Sicht auf die Dinge ist eine appenzellische», erklärt Geisser. Eine Ausstellung gäbe es zu sehen, in der das kuratorische Konzept ein künstlerisches sei. Beobachten, Sammeln und Archivieren spielten eine Rolle.

An diesem Mittwoch ist davon noch nicht viel zu sehen. Mit Schrauben im Mund hilft Emanuel Geisser dabei, eine graue Wand aufzustellen. Daneben wird eine Vitrine stehen, darin Holzstecken aus der ganzen Welt; Nora Rekade hat die gesammelt. Hinter jedem stecke eine Geschichte und jeder Betrachter bringe dazu eine Interpretation mit. «Interpretationen, die Raum öffnen», so Geisser.

«So zu arbeiten ist eine Herausforderung für mich. Normalerweise arbeite ich auf einen Raum hin, hier entsteht der Raum gleichzeitig mit meiner Ausstellung», erklärt er, während hinter seinem Rücken mittlerweile die Bartheke zusammengebaut ist. Am Modell habe er eine Ausstellungsarchitektur entworfen, die es ihm möglich mache, die künstlerischen Positionen miteinander kommunizieren zu lassen.

«Die Bühne wird gebraucht»

«Das Einrichten der Bar ist nicht planbar, wir passen uns dem Kunstwerk im <Schopf> an», erklärt Hannes Göldi. Das Gerüst der Ledi aufzustellen nehme weniger Zeit in Anspruch als der «Innenausbau» mit Strom, Beleuchtung und Musikanlage.

18 Tonnen wiegt alleine das Holz der Ledi, 14 Tonnen kommen für die im Bühnenboden eingelegten Betonplatten hinzu, deren Gewicht es für die Stabilität der Bühne braucht. Der Aufbau läuft nicht mehr so «ring» wie noch in Herisau. «Die Bühne lebt und wird gebraucht. Auch das Holz lebt, es passt nicht mehr alles so wunderbar zusammen wie am Anfang», so Göldi. Man müsse jetzt etwas stärker schieben, mehr drücken, genauer arbeiten, bei einer Schraube drei- statt nur einmal drehen. «Die Sicherheit ist gewährleistet. In Gais haben wir die ganze Ledi erneut von einem Ingenieur prüfen lassen.» Hinter Göldi knien zwei Zivilschützer und sortieren Schrauben. 70 Bauschrauben des Typs M16, 28 mittlere, 280 kleine, 84 sehr kleine Schrauben. 588 im Boden, 280 in den Balken. Gezählt hat sie die Künstlerin Katrin Keller im digitalen «Sonderfindbuch»

Ein «Goof» wird erwachsen

Mit dem Aufbau habe er nicht viel zu tun, sagt Architekt Ueli Frischknecht. Er sei zum Schauen vor Ort. Schauen, wie sich seine Bühne an den verschiedenen Standorten macht. «Die Distanz wird grösser, die Bühne wird gebraucht und ist immer weniger <meins>», sagt er. Und Projektleiter Göldi fügt an: «Halt wie ein <Goof>, der jetzt langsam erwachsen wird.»