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WEGWERFGESELLSCHAFT: Mangel im Überfluss

Täglich werden in der Schweiz tonnenweise frische Lebensmittel aussortiert, weil ihr Verkaufsdatum überschritten wurde. In der Verteilbar in Bühler werden sie an finanziell Benachteiligte abgegeben.
Gianni Amstutz
Valeria Steiner (3. von rechts) und ihr Team kümmern sich darum, dass in der Verteilbar alles rundläuft. (Bild: Gianni Amstutz)

Valeria Steiner (3. von rechts) und ihr Team kümmern sich darum, dass in der Verteilbar alles rundläuft. (Bild: Gianni Amstutz)

Gianni Amstutz

gianni.amstutz@wilerzeitung.ch

Pünktlich um 17.30 Uhr öffnet die Jugend- und Sozialarbeiterin der katholischen Kirche Teufen, Valeria Steiner, die Türen der Verteilbar in Bühler. Vor dem Eingang hat sich eine kleine Menschenansammlung gebildet. Viele von ihnen kommen jede Woche zur Lebensmittelabgabestelle in Bühler, welche Anfang Juli Eröffnung feierte. Denn sie gehören zu jenen sieben Prozent der Schweizer Bevölkerung, die von Armut betroffen sind.

Jeweils am Montagabend ­haben sie die Möglichkeit, in der Verteilbar, die sich in den Räumen oberhalb des «Kafi 55» an der Dorfstrasse 22 in Bühler befindet, für einen Preis von einem Franken pro Einkauf Lebensmittel zu bekommen. Die dafür nötige Karte erhalten sie beim Sozialamt. «Der Anstoss für eine ­Lebensmittelabgabestelle im Rotbachtal kam aus Appenzell. Dort betreibt die kirchliche Sozialarbeit ebenfalls eine Abgabestelle, die gut besucht ist», sagt Steiner. Über 50 Personen sind es, Tendenz steigend. «Deshalb haben wir uns entschlossen, in Bühler eine weitere Abgabestelle zu eröffnen, um dem Bedürfnis nachzukommen.»

Brot ist Mangelware

Die Produktpalette in der Verteilbar reicht von Obst, Gemüse und Salaten über Fleischwaren bis hin zu verschiedenen Backwaren. «Brot ist bei uns jedoch leider noch Mangelware», sagt Valeria Steiner. Sie plant, in naher Zukunft Bäckereien in der Region für Brotspenden anzufragen.

Die anderen Produkte erhält die Lebensmittelabgabestelle von der Schweizer Tafel. «Die Produkte, welche wir liefern, sind alle noch frisch, können aber von den Grossverteilern nicht mehr verkauft werden, da sie das Verkaufsdatum überschritten haben», erklärt Susanne Lendenmann, Leiterin Region Ostschweiz der Schweizer Tafel, die an diesem Tag zu Besuch in der Verteilbar ist. Die Menge der Lebensmittel, welche die Schweizer Tafel erhalte und an die verschiedenen Institutionen weitergebe, könne von Tag zu Tag stark variieren. Das und die Ungewissheit, wie viele Kunden erscheinen, stellen Valeria Steiner und ihr Team immer wieder vor neue Her­ausforderungen. Sie müssen dafür sorgen, dass alle Kunden der Familiengrösse entsprechend Lebensmittel erhalten. Daher verschaffen sie sich jeweils einen Überblick über die gelieferten Mengen. Auf der Bezugskarte der Verteilbar ist vermerkt, ob der Kunde nur für sich oder für mehrere Personen einkauft. Familien erhalten dementsprechend mehr. So können die Freiwilligen abschätzen, welche Menge von jedem Produkt an jede Person abgegeben werden kann. «Zudem zieht jeder Kunde am Anfang eine Nummer. Diese bestimmt die Reihenfolge beim Einkaufen», erklärt Steiner das Prozedere. An diesem Tag haben jedoch auch Personen, die eine hohe Nummer gezogen haben, Glück gehabt. Da die Menge gelieferter Lebensmittel gross ist und verhältnismässig wenig Kunden gekommen sind, müssen sie nicht lange darauf warten, ihre Einkäufe erledigen zu können. So hält sich die Enttäuschung in Grenzen, als ein Mann eine hohe Nummer zieht – zum wiederholten Male, wie er lächelnd erzählt.

Doch auch an anderen Tagen ist das Warten nur halb so schlimm. Denn die Mitarbeiterinnen achten stets darauf, dass auch für die Person mit der höchsten Nummer noch genügend Esswaren vorhanden sind. Zudem wird den Wartenden die Zeit mit Kaffee und Kuchen versüsst, welche sie gratis erhalten.

Armut ist immer noch ein Tabuthema

Viele der Kunden, die an diesem Abend vom Angebot der Verteilbar Gebrauch machen, sind ausländischer Herkunft. Das bedeute jedoch nicht, dass es keine ­armen Schweizer geben würde, sagt Valeria Steiner. «Aber die Hemmschwelle ist gross.» Noch immer ist Armut ein Tabuthema. «In einem Dorf, wo jeder jeden kennt, ist die Angst, als arm zu gelten, gross», sagt Susanne Lendenmann. Da werde der Gürtel etwas enger geschnallt, bevor man in einer Lebensmittelabgabestelle einkaufen gehe. «Jede Person muss selbst den Schritt wagen, um von der Verteilbar zu profitieren, aber alle sind bei uns willkommen», sagt Steiner.

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