Wegen Gastroschliessungen: Grosse Verzweiflung bei den Appenzeller Restaurants

Die verordneten Gastronomieschliessungen treffen die Appenzeller Restaurant- und Barbetreiber hart. Wohl nicht alle werden die Zeit überbrücken können, ohne dass sie Konkurs anmelden müssen.

Astrid Zysset
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Hunderte Gastrounternehmen sind im Appenzellerland von den bundesrätlich verordneten Schliessung betroffen. Die finanziellen Auswirkungen, welchen sich diese stellen müssen, sind erheblich.

Hunderte Gastrounternehmen sind im Appenzellerland von den bundesrätlich verordneten Schliessung betroffen. Die finanziellen Auswirkungen, welchen sich diese stellen müssen, sind erheblich.

Bild: Andrea Stalder

Zwischen verzweifelt und resigniert ist die Gefühlslage der
Gastrobetreiber in diesen Tagen einzuordnen. Nachdem der Bundesrat am späten Montagnachmittag entschieden hatte, aufgrund der Ausbreitung des Corona-Virus auf das Notrecht zu greifen, müssen unter anderem sämtliche Bars und Restaurants bis zum 19. April ihre Betriebe schliessen. Das hat gravierende Auswirkungen für die Gastronomen.

Markus Strässle, Präsident Gastro AR.

Markus Strässle, Präsident Gastro AR.

Bild: KER

An der Herisauer Oberdorfstrasse befindet sich das «Vinum33», eine Mischung aus Weinhandlung und Bar. Ein Lokal, das auf Gemütlichkeit setzt, eines, in welchem man sich gerne trifft. Bei Betreiber André Hermann ist die Stimmung auf dem Tiefpunkt. «Ich weiss nicht, wie es weitergeht», sagt er schulterzuckend. Das «Vinum33» gehört zu den kleineren Gastrobetrieben im Appenzellerland. Hermann arbeitet als Geschäftsführer, eine Aushilfe ist stundenweise angestellt. Jetzt muss er die Bar vorübergehend dicht machen. Einnahmen hat er fortan keine mehr. «Ich muss beim Bund anklopfen und eine Entschädigung geltend machen. Ob und wann ich Geld kriege, weiss ich jedoch noch nicht.» Die Verzweiflung ist gross. «Diese Massnahme des Bundes macht alles kaputt!» Einen Monat ohne Einkommen könne Hermann überbrücken. Dauert es länger, müsse er wohl Konkurs anmelden.

Rund 380 Gastrounternehmen gibt es in Appenzell Ausserrhoden. Gemäss Markus Strässle, Präsident des Verbandes Gastro AR, besteht der Grossteil aus kleineren Betrieben respektive aus Familienbetrieben mit einzelnen Aushilfen. Diese können keine Kurzarbeit geltend machen und sind somit finanziell noch stärker von der Massnahme des Bundes betroffen. Grösseren Betrieben steht die Möglichkeit der Kurzarbeit offen. Auch Epidemieversicherungen könnten eine finanzielle Entlastung bringen. Oder man macht Entschädigungen beim Bund geltend. Zehn Milliarden Franken Soforthilfe hat der Bund bereits gesprochen. «Man weiss aber, dass dieses Geld nicht reichen wird», sagt Strässle. Vieles ist noch ungewiss. Heute trifft sich der Gastropräsident mit dem kantonalen Amt für Wirtschaft, um die brennendsten Fragen zu klären.

Die Verunsicherung ist gross

Auf der Webseite der GastroSuisse, dem grössten gastgewerblichen Arbeitgeberverband der Schweiz, sind die branchenrelevanten Informationen im Zusammenhang mit der Corona-Krise gesammelt. Auch der Ausserrhoder Tourismus und der Kanton beantworten Fragen der Gastronomen. Bei Strässle selbst lief das Telefon gestern heiss. Die Verunsicherung ist gross. «Es ist einschneidend für uns alle. Aber da müssen wir jetzt durch, und das Beste hoffen.» Das sieht auch der Präsident der Gastro AI, Stephan Sutter, so. «Wenn wir zusammen halten und auf die Unterstützung des Kantons setzen können, werden wir die Krise meistern.» Appenzell Innerrhoden habe bereits grosszügige Zahlungen im Bereich der Kurzarbeit in Aussicht gestellt, sagt Sutter. Der Gastropräsident erachtet dies als äusserst wertvoll, um ein langfristiges Weiterbestehen der Restaurants und Bars gewährleisten zu können. Rund 95 Gastrobetriebe sind im Innerrhodischen von der Massnahme des Bundes betroffen.

Gäste bleiben schon länger aus

Die Krise hat sich schon länger abgezeichnet. Reto Haindl, Besitzer des Hotels und Restaurants Landhaus Säntis in Herisau, spricht davon, dass die Gäste bereits seit dem Bekanntwerden der ersten Corona-Infektionen in der Schweiz ausbleiben würden. «Nachbarstaaten haben schon längst verschärfte Massnahmen gegen die Ausbreitung ergriffen. Bei uns wurde noch zugewartet.» Trotzdem: Die kurzfristige Schliessung des Restaurants hat Haindl hart getroffen. Ein paar Tage zur Überbrückung hätte er angemessen gefunden. Aber bei der sofortigen Schliessung war gar der Kühlschrank noch voll. Die Lebensmittel werden nun weitestgehend eingefroren oder unter den Mitarbeitern verteilt. 25 sind im Restaurant tätig. Alle sind schon mindestens 15 Jahre bei Haindl angestellt. Nun sind Entlassungen nicht ausgeschlossen. «Ich habe Mitarbeiterinnen, die sind in Tränen aufgelöst», sagt Haindl. Wie es weiter geht, ist ungewiss. Auch wie lange der Hotelbetrieb noch geöffnet bleiben kann, weiss der Besitzer nicht. Ebenso wenig wie lange die Betriebskantine der Metrohm, die er ebenfalls betreibt, noch zugänglich sein wird. Weitere Massnahmen des Bundesrates sind derzeit nicht ausgeschlossen.

Die aktuelle Situation ist existenzbedrohend."

Ralf Menet, Betreiber Berggasthaus Oberer Gäbris

"Existenzbedrohend ist die aktuelle Situation», sagt Ralf Menet, Betreiber des Berggasthauses Oberer Gäbris in Gais. «Es bleibt uns nichts anderes übrig, als darauf zu hoffen, dass die Massnahme des Bundes bald wieder aufgehoben werden kann.» Viele Mitarbeitende beschäftige Menet nach eigenen Aussagen nicht. Bei denjenigen, bei welchen es möglich war, wurde Kurzarbeit beantragt. Der Kühlschrank werde nun sukzessive geleert, und der freie Monat für Renovierungsarbeiten genutzt. Klingt, als würde die neue Ausgangslage locker weggesteckt. Doch Menet winkt ab. «Nein, das ist überhaupt nicht der Fall.» Die Kosten für den Betrieb häufen sich. Einnahmen fehlen jedoch. «Gastrounternehmen sind finanziell ohnehin nicht auf Rosen gebettet. Eine lange Überbrückungszeit, bis der Betrieb wieder geöffnet werden darf, liegt bei den meisten nicht drin.»

Dass er sich in einer komfortablen Situation befindet, ist sich Paddy Schai, Betreiber des «Gadeworld», daher bewusst. Ihm gehören die Bäumli Bar Appenzell, das Pub Appenzell wie auch die Heimat Appenzell. Seiner Prognose nach reichen die Ersparnisse bis Ende Juni. Sollte bis dahin keine Unterstützung durch die öffentliche Hand geflossen sein, werde es schwierig, sagt Schai. Rund 20 Mitarbeitende beschäftigt er, die meisten davon Teilzeit. Für sie hofft Schai auf eine baldige Lösung mittels Entschädigungszahlungen. Denn ab Ende Juni weiss er sonst nicht, wie es weiter gehen soll.

Normalisierung wohl erst im Herbst

Der Ausserrhoder Gastropräsident Markus Strässle betrachtet die Situation nüchtern: «Die Gastronomie ist keine hochverdienende Branche, die Gewinnmargen sind relativ klein.» Eine Krise, wie sie mit der Ausbreitung des Corona-Virus derzeit einher geht, werden wohl nicht alle überstehen. Strässle rechnet damit, dass, sobald der Bund die Schliessung der Restaurants und Bars wieder aufgehoben hat, es noch einige Monate dauern wird, bis die Gäste zurück und der Betrieb sich wieder normalisiert hat. Ein regulärer Alltag für die Gastrounternehmen werde wohl erst im Herbst wieder möglich sein, so der Gastropräsident weiter. «Ich gehe davon aus, dass einige bis dahin Konkurs anmelden müssen. Das wird leider unumgänglich sein, auch wenn ich die Hoffnung habe, dass vielleicht doch alle die Krise überstehen werden.»