Wege der Freiheit

Sich zurückzuziehen und sich auf sich selbst zu besinnen, bereichert ungeahnt; eine Melodie von Donizetti zu summen, Theokrits Oden, Nikos Kazantzakis und Junichiro Tanizaki nachzusinnen, Auguste Rodin vor dem innern Auge, sind Wege der Freiheit, der Fülle, die interessanter sind als die

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Sich zurückzuziehen und sich auf sich selbst zu besinnen, bereichert ungeahnt; eine Melodie von Donizetti zu summen, Theokrits Oden, Nikos Kazantzakis und Junichiro Tanizaki nachzusinnen, Auguste Rodin vor dem innern Auge, sind Wege der Freiheit, der Fülle, die interessanter sind als die wanderwegausgeschilderten Massenpfade des Plebs, der seine Langweile totzuschlagen gedenkt. Die kurzen Aussagen Bi-Yän-Lus sind umfassender als die monumentalen Gegenwartsromane, Robert Walsers funkelnde, hin und her irrlichternde Prosastückelchen wesentlicher gegenüber den realitätsklotzenden literarischen Riesengemälden.

Letzthin sass ich mit meinem Freund Tim auf der Hafenmole in Staad, und wir streiften im Gespräch Weltgeschichtliches – und mussten lachen. Einmal siegt X, das andere Mal Y, es ist unwichtig austauschbar, was im Grossen passiert, die murmelnden Wellen zu unsern Füssen wissen mehr in ihrer Kleinheit und Vergänglichkeit.

Über die Freiheit sind schon ganze Bibliotheken geschrieben worden, da bin ich chancenlos, intellektuell etwas Neues darzubieten. Ich meine einfach, die Freiheit ist ein individueller Weg, und wohin dieser Weg führt, ist nicht voraussehbar. Es ist ein unbekannter Weg, der in die Irre führt, doch dieser Irrtum kann sich als „Wahrheit“ herausstellen.

Letzthin fuhr ich mit Patio auf einem alten kleinen Schiff den Orinoco hinunter; Patio ist ein Maler, dessen Fische wie Violinschlüssel aussehen, in seinen Bildern brennt der Himmel als Urwald, auf einem kahlen Ast hockt ein magerer schwarzer Vogel. In all seinen Bildern kommt eine Reduziertheitsbefindlichkeit zum Ausdruck, die meinen Puls höher schlagen lässt, wo mein Atem stockt. Ich fühle mich dort wohl, wo das Wenige das Viele bedeutet.

Und da geschah es: Patio und ich schauten uns an und mussten lachen. Wir lachten hemmungslos und verstanden uns. Ich darf bescheiden sagen, ich glaube, dass Patio und ich sich auf einem Weg einer Freiheit befinden, die uns glücklich machen wird.

Paul Gisi