«Der Schock sass tief»: Wanderweg am Rotbach scheitert am Veto des Innerrhoder Wildhüters 

Nach dem Nein zum «Weg am Rotbach» hoffen nun die Gemeinden Gais, Bühler und Teufen sowie der Bezirk Schlatt-Haslen, dass die Politik einschreitet, um das Projekt doch realisieren zu können. 

Karin Erni
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Lauschige Plätzchen wären die Stärken des «Wegs am Rotbachs» gewesen. (Bild:  PD)

Lauschige Plätzchen wären die Stärken des «Wegs am Rotbachs» gewesen. (Bild:  PD)

Eine malerische, bisher weglose Schlucht mit einem neuen Wanderweg zu erschliessen, das war die Idee von Fernando Ferrari aus Gais und Guido Burch aus Teufen. Der Weg entlang des Rotbachs zwischen Bühler und Gais hätte ihr Beitrag zum 750-Jahr-Jubiläum werden sollen, das Gais im Jahr 2022 feiert. Für die Planung dieses Vorhabens führten sie seit Anfang 2018 Gespräche mit den angrenzenden Gemeinden und dem Bezirk Schlatt-Haslen.

Die Idee sei überall auf positives Wohlwollen gestossen, schreiben die beiden Idealisten. Gais habe sogar einen Planungsbeitrag von 25'000 Franken für das Vorhaben gesprochen. Stiftungen sicherten Beiträge zu und der Zivilschutz versprach die Erstellung des Weges. Mitte Februar 2019 lag das schriftliche Einverständnis aller Grundeigentümer vor. Alle hatten die 75 Übersichts- und Abschnittspläne unterzeichnet. Die kantonalen Verfahren betreffend Anpassung des öffentlichen Fuss- und Wanderwegnetzes wurde in den Gemeinden Gais und Bühler sowie im Bezirk Schlatt-Haslen ausgelöst.

Bedeutenden Wildkorridor nicht beachtet

Doch Fernando Ferrari und Guido Burch hatten einen wichtigen Punkt nicht berücksichtigt. Im Gebiet Strahlholz, auf Innerrhoder Kantonsgebiet, befindet sich ein national bedeutender Wildtierkorridor, der im Richtplan eingetragen ist und ein solches Bauvorhaben praktisch verunmöglicht. Der Innerrhoder Jagd- und Fischereiverwalter Ueli Nef machte die Initianten im Herbst 2018 darauf aufmerksam. Diese Stelle sei die einzige in einem weiten Umkreis, welche durch geschlossene Waldzüge, sogenannte Leitlinien, ermögliche, dass das Wild die Strasse queren könne. «Dass es hier immer wieder zu Wildunfällen kommt, zeigt, dass die Tiere die Gelegenheit zum Wechsel rege nutzen», sagt Nef. Solchen Korridoren müsse von Gesetzes wegen Sorge getragen werden. Zudem seien unwegsame Schluchten heute noch die letzten ruhigen Rückzugsmöglichkeiten für Wildtiere.

Die Initianten schreiben:

«Der Schock auf diese Nachricht sass tief.»

Sie hätten daraufhin eine bekannte Wildtierbiologin beauftragt, ein Gutachten zu erstellen. Diese kam zum Schluss, dass die Korridorfunktion durch den Wanderweg nicht beeinträchtigt wird. Offenbar berücksichtigte die Gutachterin aber die sogenannten Warteräume nicht. Diese Waldstücke bieten dem Wild Deckung, bevor es die Strasse queren kann. Auf der Strasse zwischen Bühler und Gais verkehren täglich 7100 Fahrzeuge. Ausserdem planen die Appenzeller Bahnen im Gebiet Untere Blatten-Eggli eine Kreuzungsstelle und beabsichtigen, die Frequenz von 80 auf 120 Zugdurchfahrten zu erhöhen. Dies alles verursache mehr Störungen als es ein einfacher Wanderweg tue, finden die Initianten.

Ueli Nef, Innerrhoder Jagdverwalter.

Ueli Nef, Innerrhoder Jagdverwalter.

Doch dieses Argument zählt für Ueli Nef nicht. «Die Autos und auch der Zug bewegen sich immer auf der gleichen Linie und sind für die Wildtiere dadurch einschätzbar. Sie warten in der Deckung, bis es ruhig ist, und überqueren dann die Strasse.» Weniger gut einschätzbar seien für die Tiere dagegen Menschen, die zu jeder Tages- und Nachtzeit das Gebiet durchstreifen würden. Vor allem Hunde werden von Wildtieren als Bedrohung wahrgenommen. Daran würde auch eine allfällige Leinenpflicht nichts ändern, so Nef.

«Wenn die Büchse der Pandora einmal geöffnet ist, kann man nicht mehr viel machen. Die Erschliessung eines Gebiets führt zwangsläufig zu Beeinträchtigungen der Lebensraumqualität».

Mehrere geprüfte Alternativen für die Routenführung haben sich gemäss den Initianten als nicht durchführbar erwiesen. Den Wegabschnitt beim Strahlholz auf das Trottoir zu verlegen, kam für die Initianten nicht in Frage.

Initianten und Gemeinde sind enttäuscht

Nun haben Fernando Ferrari und Guido Burch ihr Vorhaben schweren Herzens aufgegeben. Sie haben eingesehen, dass die Bewilligungschancen ihrer favorisierten Variante äusserst gering sind. Geblieben ist den beiden ein 130-seitiges Protokoll der Gespräche, die sie geführt haben.

«Wir haben viel gelernt und unglaublich viel Zeit investiert.»

Die Gemeinde Gais zeigt sich in einer Mitteilung enttäuscht: «Obschon sich das Appenzellerland stolz als Touristendestination vermarktet und ein positiv lautendes Gutachten der Wildbiologin vorliegt, ist die gefasste ablehnende Haltung der Wildhut Innerrhodens schlicht nicht nachzuvollziehen.» Wenn die Initianten früher an ihn gelangt wären, hätten sie viel Aufwand vermeiden können, ist Nef überzeugt. Er sei nämlich erst sehr spät befragt worden und habe dann aber seine Bedenken umgehend  transparent kommuniziert. «Ich kann die Enttäuschung nachvollziehen. Aber in meiner Funktion als Jagdverwalter bin ich verpflichtet, mich für die wild lebenden Säugetiere und Vögel einzusetzen. Das bedingt manchmal auch unpopuläre Entscheide.»

Neuer Wanderweg entlang der Wasserfälle in Gais geplant

Entlang des Rotbachs in Gais soll ein Wanderweg entstehen. Dafür setzen sich Guido Burch aus Teufen und Fernando Ferrari aus Gais ein. Die Eröffnung ist für 2022 geplant – wenn das Projekt denn bewilligt wird.
Astrid Zysset