Wattwiler verkabelt IT-Testlabor

Toggenburger Firmen mischen immer wieder ganz vorne bei Technologie-Entwicklungen mit. Zum Beispiel die Wattwiler Bichler + Partner AG. Sie hat die Installation für ein Testlabor der IT-Netzwerkanbieterin Netcloud ausgeführt.

Hansruedi Kugler
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WATTWIL/WINTERTHUR. Kabelsalat? Das scheint nur auf den ersten Blick so. Denn die vielen Kilometer orange Kabel im Winterthurer Testlabor sind wohlgeordnet: Schliesslich soll kein überflüssiger Meter Kabel herumhängen, jede Steckverbindung muss stimmen und Knicke in den Kabeln sind für den Spezialisten ohnehin verboten. Darum sind die Kabelradien genauestens festgeschrieben. Elektroinstallation kann weit mehr sein als Hausverkabelung mit Sicherheits-Steckdosen und Fernsehkabel.

«Auftrag mit Prestige»

Auf hundert Quadratmetern steht im Testlabor der schweizweit führenden Netzwerkanbieterin Netcloud Schaltkasten an Schaltkasten und jede Menge Computer, Telefone, Drucker. Hier werden ganze Netzwerke von Grosskunden aufgebaut, konfiguriert und getestet. Schliesslich wollen Swisscom, das Universitätsspital Zürich, die Credit Suisse und 400 andere Kunden funktionierende IT-Netzwerke eingebaut haben. Vier Mitarbeiter der Wattwiler Bichler + Partner AG waren einen Monat lang in Winterthur im Einsatz und haben die Netzwerkinfrastruktur mit Lichtwellenleitern und Kupferdatenkabeln gebaut. «Ein grosser Auftrag und einer mit Prestige», sagt Inhaber und Verwaltungsrat Urs Bichler, der mit seiner Firma, in welcher er 42 Mitarbeiter beschäftigt, auch schon für die Kanti Wattwil, das BWZT oder das Spital Wattwil IT-Netzwerke ausgerüstet hat.

Keine Datenblockade mehr

Was an Know-how in deren Installation steckt, veranschaulicht Urs Bichler gerne bildhaft: In einem Betrieb seien meist zahlreiche Computer und Drucker über einen zentralen Server miteinander verbunden. Seine Schüler an der Gewerbeschule frage er jeweils, wie viele Computer gleichzeitig Kontakt miteinander aufnehmen könnten. Die Antwort verblüfft: Jeweils nur zwei. Deshalb seien angepasste Verbindungselemente (Switch) so wichtig: «Sonst kann es sein, dass sich die Endgeräte gegenseitig blockieren, so dass man zum Beispiel sehr lange warten muss, bis der Drucker endlich das gewünschte Papier ausdruckt», erklärt Urs Bichler. Darum brauche die Verkabelung solcher Netzwerke viel Know-how.

Internetprotokoll IPv6

Am 7. Juni schliesslich war ein besonderer Tag: «Das neue Internetprotokoll IPv6 wurde aufgeschaltet», berichtet Urs Bichler. Das Netcloud-Testlabor hat hierfür Testversuche durchgeführt. Was für IT-Laien ein nichtssagendes Kürzel, ist für den IT-Kenner ein technologischer Quantensprung: Denn die internetbasierte Kommunikation funktioniert mit sogenannten Protokollen, die eine gültige Adressierung der Rechner oder Router herstellen. Nur so können Computer, Drucker, Telefone in einem IT-Netzwerk miteinander kommunizieren, sowohl in einem Betrieb wie auch weltweit übers Internet. Wer übers Internet telefonieren will, braucht eine IP-Adresse. Für die Vergabe ist eine zentrale Organisation, die IANA, zuständig. Die Zahl der Adressen für Endgeräte ist in der bisherigen Version IPv4 aber auf etwas mehr als vier Milliarden begrenzt. Und diese Grenze wird in Kürze erreicht sein. In Asien sind die IPv4-Adressen bereits ausgeschöpft. Das war bei der rasanten Ausdehnung der Internet-Nutzung auch vorhersehbar: In Asien hat sich die Zahl der Internet-Nutzer seit zehn Jahren von 100 Millionen auf eine Milliarde verzehnfacht. Von den 800 Millionen Europäern nutzen rund 500 Millionen das Internet, fünf Mal mehr als noch vor zehn Jahren. Mit IPv6 wird sich die Zahl der Internet-Adressen fast schon ins Unendliche steigern, nämlich auf 340 Sextillionen (3,4 × 1038). «Das reicht sicher für die nächsten 50 Jahre», meint Urs Bichler.

Wissen an Schüler weitergeben

Der Wattwiler Unternehmer ist nicht nur Elektro-Installateur, sondern gibt sein Wissen als Gewerbeschullehrer weiter. Dass er als Unternehmer an vorderster Front mit neuen Technologien konfrontiert wird, sei für seinen Lehrerberuf von Vorteil, meint Urs Bichler. «Aber man muss ehrlich sein. Bei der rasant schnellen technologischen Entwicklung kann ich diese meinen Schülern nur ansatzweise vermitteln.» Er selbst rechnet mit grossen Veränderungen auf dem Markt. «Die heutige Festnetztelefonie wird es in zehn Jahren nicht mehr geben», meint Urs Bichler. Künftig wird jedes Telefon, jedes Handy, jedes Endgerät eine IP-Adresse besitzen und enorm viel höhere Datenmengen transportieren können. Tests hätten gezeigt: Mit neuester Technologie sei es möglich, im Auto über Funk ruckfrei TV zu schauen. Und Computer werden bloss noch Monitore sein, die auf Daten und Programme zugreifen, die in einer Wolke von Servern verteilt sind.

In Urs Bichlers Firma macht der Bereich Kommunikation rund zwanzig Prozent des Umsatzes aus. Der Löwenanteil am Umsatz kommt nach wie vor aus der klassischen Elektro-Hausinstallation. Für das Prestige über die Region hinaus ist aber der Auftrag für Netcloud wichtig: Immerhin ist diese rasant wachsende Firma gerade zum zweiten Mal zum besten europäischen Daten Center gekürt worden.

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