Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

WATTWIL: Wenn das Hirn hinterherhinkt

Der Neuropsychologe Lutz Jäncke referierte am Mittwochabend im Thurpark zu einem spannenden Thema. Er erklärte, wie es um das Verhältnis zwischen dem menschlichen Gehirn und der heutigen digitalen Welt steht.
Sascha Erni
Lutz Jäncke hielt im Thurpark einen gelungenen Vortrag zum Thema Gehirn und digitaler Wandel. (Bilder: Sascha Erni)

Lutz Jäncke hielt im Thurpark einen gelungenen Vortrag zum Thema Gehirn und digitaler Wandel. (Bilder: Sascha Erni)

«Das RDZ wäre zu klein gewesen, wir wollten keine Interessenten abweisen müssen». Mit diesen Worten eröffnete Beatrice Straub am Mittwoch den Vortrag von Professor Lutz Jäncke. Die Leiterin des regionalen didaktischen Zentrums Wattwil erzählte, dass die Elternbildung Toggenburg – ein Zusammenschluss aus dem Elternforum Wattwil, dem RDZ sowie dem Elternforum Ebnat-Kappel – jeden November solche Veranstaltungen durchführt, aber dieses Mal mehr Publikum als üblich erwartete. Das Thema würde ziehen, man hatte sich deshalb für den grossen Saal des Restaurants Thurpark entschieden. Und tatsächlich fanden sich weit mehr als zweihundert Menschen zu Jänckes Vortrag ein. Lehrpersonen, Pädagogen und interessierte Laien wollten wissen, wie es ums Verhältnis zwischen dem Gehirn und der digitalen Welt steht.

Biologie im Konflikt mit der Digitalisierung

Lutz Jäncke eröffnete seinen informativen und überaus unterhaltsamen Vortrag mit einem Blick zurück in der Menschheitsgeschichte. Vor gut 200'000 Jahren machte sich Homo Sapiens auf den Weg, von Afrika aus, die Welt zu bevölkern. Die Wanderung geschah dabei in kleinen Gruppen, entsprechend hätten sich unsere Verhaltensweisen über Generationen entwickelt. Die Gemeinschaft sei Jahrtausende lang das Zentrale gewesen, die Kommunikation im vertrauten, überschaubaren Kreis überlebensnotwendig. «Sprache war rudimentär, die wichtigsten Kanäle nonverbal», erklärte Jäncke. Heute hingegen würden wir mit unzähligen Menschen kommunizieren, weltweit, anonym und vorwiegend verbal. Damit sprach der Zürcher Neuropsychologe früh den Kern seines Vortrags an. Das Gehirn optimierte über Jahrtausende Mechanismen, die auf den Umgang von Angesicht zu Angesicht ausgelegt sind. Der digitale Wandel jedoch sei im Vergleich dazu gerade erst angelaufen und schreite unvorstellbar schnell fort. Jäncke verglich die Smartphone-Ära mit früheren Umbrüchen: «In nur gut einer halben Generation hat sich die Welt komplett verändert. Bei der industriellen Revolution dauerte das drei bis vier Generationen.» Dass es so Verwerfungen zwischen der trägen Biologie und dem digitalen Zeitalter gäbe, von fehlerbehafteter Kommunikation bis zu Abstumpfung durch hyperrealistische Computerspiele, sei klar. «Wir haben eigentlich immer noch dieselben Gehirne wie Julius Caesar oder die alten Ägypter.»

Mit Erziehung gegen fehlende Reizkontrolle

Dann ergänzte Jäncke seine Ausführungen zur menschlichen Evolution mit Entwicklungspsychologie. Denn die Art und Weise, wie sich das wachsende Gehirn verändere, würde diesen Konflikt verstärken. Es sei neurologisch normal, dass es Jugendlichen oft an Impulskontrolle und der Fähigkeit, mit Reizen sinnvoll umzugehen, mangle. Kombiniere man das aber mit einer rasant zunehmenden Dauerberieselung wie durch soziale Netzwerke oder Computerspiele, dann werde es kritisch. Denn so bliebe der Fokus zwangsläufig auf der Strecke, und damit das Potenzial der Jugendlichen. Jäncke war ein gewitzter, engagierter Redner, er wirkte bei all seiner Kritik nie wie jemand, der sich nach vergangenen Zeiten sehnte, und nannte durchaus auch Vorteile der neuen Technologien, zum Beispiel in der Reha-Medizin oder beim erweiterten Schulunterricht. Er verteufelte nie die neuen Medien, kritisierte dafür aber den unbedachten Umgang damit um so stärker.

Einen Lösungsansatz sah er in der Erziehung. Es sei Aufgabe der Eltern und Lehrpersonen, Kindern und Jugendlichen Grenzen im Umgang mit digitalen Technologien vorzugeben und einen bewussteren Medieneinsatz durchzusetzen. Denn die Pubertierenden selbst? Die könnten das aus neurologischen Gründen selbst kaum leisten.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.