Wattwil und der Fremde

An einem 30. November kam ein Fremder über den Ricken nach Wattwil. Wie viele andere vor ihm hoffte auch er, hier Arbeit zu finden. Nach einer Absage kam der Fremde in einem KMU unter. Er blieb drei Jahre, wechselte nach Brunnadern, wo er zum Werkführer aufstieg.

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An einem 30. November kam ein Fremder über den Ricken nach Wattwil. Wie viele andere vor ihm hoffte auch er, hier Arbeit zu finden. Nach einer Absage kam der Fremde in einem KMU unter. Er blieb drei Jahre, wechselte nach Brunnadern, wo er zum Werkführer aufstieg.

Doch die zuständige Gemeindebehörde in Mogelsberg stellte ihm nur eine befristete Arbeitsbewilligung aus, weil seine Heimatgemeinde die amtlichen Papiere verludert hatte. Wattwil indessen erneuerte die Niederlassungsbewilligung des jungen Mannes bereitwillig – notabene an der Bürgerversammlung. Der Fremde heiratete eine Einheimische, machte sich mit seinen Ersparnissen und fremdem Kapital selbständig. Weggefährten lobten ihn als fleissig, kundenorientiert und zuverlässig. Nach 20jährigem Aufenthalt in unserem Land erhielt der einstige Fremde das Schweizer Bürgerrecht.

Seinen Angehörigen schrieb er in die ferne Heimat: «Ich freue mich immer mehr, Schweizer zu sein. Würde ich in einem Land wohnen, wo die Menschenrechte unbeachtet blieben, ich würde in ein freieres Land ziehen. (…) Wir haben in der Schweiz (politisch) Ruhe, wie vielleicht kein Land auf der Welt es besser hat.»

Die detaillierten Motive, die ihn einst von daheim weg zogen, kennen wir nicht. Wir wissen bloss, dass er hierher kam, weil hier mehr Freiheit herrschte als in seiner kleinen Heimat, die zwischen zwei mächtigen Staaten zerrieben zu werden drohte.

Diese Geschichte kommt uns – mit Blick auf Syrien – bekannt und aktuell vor. Balkan, Neunzigerjahre? Türkei, in den Achtzigern? Italien, Sechzigerjahre? Nein, wir schreiben das Jahr 1825. Und der Name des einstigen Fremden lautet Georg Philipp Heberlein, aus dem Herzogtum Nassau stammend, im heutigen Deutschland. (hed)

Quelle: «Heberlein 1835–2015», Toggenburger Verlag