Wattwil umfahren, aber nicht übergehen

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Amerika kennt einen Begriff für ein Phänomen, das dort in den Fünfzigerjahren mit dem Bau des nationalen Fernstrassennetzes eingesetzt und mit dessen Beendigung in den Neunzigern einen traurigen Höhepunkt erreicht hatte:«Death by Interstate», heisst die stehende Wendung. Frei übersetzt: Tod durch Umfahrungsstrasse.

Damit wird der Umstand bezeichnet, dass ganze, einst blühende Orte allein durch den Bau der nationalen Interstate Highways zu Geisterstädten wurden. Hatten frühere Hauptstrassen, etwa die weltbekannte Route 66, noch lebendige Ortszentren miteinander verbunden, so umging der neue Interstate diese per definitionem. Geschäfte verloren ihre Kunden, Tankstellen ihre Existenzgrundlage, Kommunen ihre Einwohner. Sichtbarer Zerfall setzte ein; wir alle haben Fotos davon vor unserem inneren Auge.

Natürlich: So schlimm wird es nicht sein, wenn wohl ab 2022 auch Wattwil nach allen Richtungen umfahren werden kann. Dennoch haben die einheimischen Gewerbetreibenden und Ladenbesitzer am vergangenen Mittwoch gut daran getan, ihre Interessengemeinschaft Einkaufszentrum Wattwil (IGEZ) mit der neu gegründeten Organisation Zentrum Wattwil zu verschmelzen. Mit gebündelten Interessen, Kräften und Mitteln wird diese die Zeit bis zur Eröffnung der Umfahrung nutzen und Massnahmen ausarbeiten, damit der 8600-Einwohner-Ort im 46000-Einwohner-Tal sein Attribut eines pulsierenden, regionalen Zentrums behalten kann.

Vorarbeiten dafür sind bereits geleistet: Eine Spurgruppe hat unter Einbezug der Bevölkerung Bedürfnisse abgeklärt. Für ein Projekt zur baulichen Aufwertung des Zentrums von Wattwil werden demnächst die Ingenieursarbeiten vergeben. Und ein Kommunikationsberater wird als Geschäftsführer der IGEZ-Nachfolgeorganisation Zentrum Wattwil Standortmarketing für den Ort und dessen Attraktivität betreiben.

Wattwil hat sich damit beste Chancen gewahrt, dereinst zwar umfahren, aber nicht übergangen zu werden.